Abbas' fehlender Beweis

27. Februar 2005, 20:17
7 Postings

Es ist ein höchst bemerkenswertes Zeichen einer neuen Ära, dass es diesmal niemand gewesen sein will - Von Ben Segenreich

Man sehnt sich danach, optimistisch sein zu dürfen. Umso beklemmender ist der Gedanke, die schlechten und noch gar nicht alten Zeiten des Todeskults seien vielleicht schon wieder da. Aber etwas war jetzt nach dem Anschlag auf das Tel Aviver Nachtlokal eindeutig anders als nach den hunderten von Anschlägen zuvor. Früher hatten sich die verschiedenen palästinensischen Terrorgruppen immer um die "Ehre" gestritten, wieder einen Autobus oder eine Pizzeria in die Luft gejagt zu haben, ab und zu hatten "Hamas", "Islamischer Djihad" und "Märtyrer-Brigaden" auch gemeinsam operiert und den "Erfolg" in den Bekenner-Erklärungen brüderlich geteilt. Daher ist es ein höchst bemerkenswertes Zeichen einer neuen Ära, dass es diesmal niemand gewesen sein will.

"Wir sind nicht verantwortlich für diese Aktion, die wir ablehnen und verurteilen", sagte ein Sprecher der "Märtyrer-Brigaden" in Gaza, und bei seinen Kollegen von den anderen Fraktionen klang es ganz ähnlich. Auf den Straßen von Nablus und Jenin wurden nach der Explosion keine Jubelrufe gehört und keine Süßigkeiten verteilt. Und wenn Yassir Arafat nach Anschlägen "die Gewalt auf beiden Seiten" lauwarm zu verurteilen pflegte, so kündigt sein Nachfolger Mahmud Abbas jetzt in schärfsten Tönen die Verfolgung und Bestrafung der Täter an, die er sogar wörtlich als "Terroristen" bezeichnet haben soll.

Die Stimmung in der palästinensischen Bevölkerung und die Haltung der Führung haben sich also verändert. Nicht verändert haben sich die Zahl der Gewehre in unbefugten Händen und die Masse des Sprengstoffs in den Bombenwerkstätten. Es ist unwahrscheinlich, dass Abbas, wie es seine erklärte Taktik ist, nur durch gutes Zureden den nächsten Anschlag abwenden kann. Den Beweis dafür ist er jedenfalls noch schuldig. (DER STANDARD, Printausgabe, 28.02.2005)

Von Ben Segenreich
Share if you care.