Entwürdigend

27. Februar 2005, 20:09
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Wird das Siechtum des Papstes ganz absichtlich vermarktet? - Von STANDARD-Chefredakteur Gerfried Sperl

Als sich in den späten 90er-Jahren der Gesundheitszustand des Papstes dramatisch verschlechterte, mischte sich in das Mitgefühl auch Bewunderung: Das Kirchenoberhaupt zeigte überall, wohin es kam, dass ein starker Wille nicht nur Berge versetzt, sondern auch Leiden überwindet. Das war vorbildlich.

Was jetzt geschieht, gerät in die Nähe der Entwürdigung einer charismatischen Persönlichkeit. Niemand wird bestreiten, dass man dem Papst alle technischen Finessen der modernen Medizin angedeihen lässt. Doch allmählich schiebt ihn die Kunst der "Weißen Götter" ins Zwielicht. Will er das? Greift er sich in vollem Bewusstsein an den Hals?

Wird sein Siechtum - im Gegenteil - ganz absichtlich vermarktet? So als hätte man das Drehbuch längst geschrieben? Die Vorgänge wirken wie Filmeinstellungen.

Der Lebensmotor stottert: Bei Nacht und Nebel wird der Papst in die Gemelli-Klinik eingeliefert. Die ersten Bulletins laufen über die Schirme. Der Körper ist wieder repariert: Der Pontifex wird öffentlich präsentiert und im mobilen Glaskäfig, Papamobil genannt, zurückgebracht. Er muss an die Fenster dieser Welt und, wie vor dem Luftröhrenschnitt, auch noch zeigen, dass er bei Stimme ist. Obwohl man kein Wort mehr versteht.

Vorbringen könnte man, dass die Weltöffentlichkeit nicht nur neugierig ist, wie es dem Papst nun geht. Und alle publizieren die Bilder - die einen größer, die anderen kleiner. Doch wie es wirklich um ihn steht, verrät die Fassade nicht. Hier wird vielmehr von der Kirchenspitze eine Grenze überschritten. Die sie selbst dogmatisch immer wieder setzt.

Karol Woytyla hat die Welt bewegt wie wenige seiner Vorgänger. Dass jetzt er selbst bewegt wird wie eine Marionette, hat er nicht verdient. Dieser Papst bliebe Papst, selbst wenn man ihn nicht mehr sähe.

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