Das Glück ist eine Dur-Tonleiter

27. Februar 2005, 18:39
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Premiere des Musicals "Sound of Music" an der Wiener Volksoper: In der altbackenen, eher langsamen Inszenierung von Renaud Doucet bleibt alles putzig und nett

Wien - Es ist einerseits seltsam, dass dieses Werk sich so spät nach der Uraufführung, die ja immerhin 1959 am Broadway stattfand, nun nach Wien an die Wiener Volksoper verirrt hat. Denn lieb ist hier fast alles - beginnend bei den sieben Kindern, die nach dem Tod ihrer Mutter vom strengen Papa dressiert wurden, auf diverse ihnen zugeordnete Pfeifsignale zu reagieren und in Matrosenkleidern zu leben.

Aber auch Maria, das bergverliebte Mädchen, das sich Gott widmen will und doch in "dieser Welt" bei einem verwitweten Kapitän hängen bleibt, ist das putzige, klischeevolle Bild einer so aufopferungsvollen wie energischen jungen Dame, die jegliche Mehrfachbelastung des Lebens singend meistert. Und sogar der Kapitän selbst ist bei aller Strenge dann doch in aller Milde gezeichnet.

Dann aber ist es vielleicht doch nicht so seltsam, dass es so lange gedauert hat mit dem Werkbesuch - dieser Georg von Trapp ist ja hier inmitten des Edelweißkitsches auch eine Figur der politischen Standhaftigkeit. Den nahenden Anschluss Österreichs an Nazideutschland will er - aus welchen politischen Gründen, wird nicht klar - weder innerlich noch äußerlich mitvollziehen; dem Naziauftrag, ein U-Boot zu übernehmen, entzieht er sich durch die Familienflucht in die Schweiz, und dann nach Amerika.

Womöglich ist dieser ernste und historisch verbürgte Teil des Musicals dafür verantwortlich, dass man so lange zugewartet hat, dieses tadellose klassische Musical von Richard Rodgers und Oscar Hammerstein II einmal vorzustellen. An der Musikqualität kann es nicht liegen. Sie ist mit ihren um einen Hit gebauten, handwerklich sauber gearbeiteten Ideen auf dem Niveau von Kiss Me Kate und My Fair Lady angesiedelt. Also zweifellos erste Liga.

Regisseur Renaud Doucet vertraut der Oberfläche des Werks in jeder Hinsicht. Seine brave Erzählung arbeitet zwar in einem stilisierten optischen Rahmen von André Barbe, der das Alpine als Andeutung präsentiert, geizt aber nicht mit allem, was dieses Werk an biederen, lieblichen Momenten zu bieten hat. Ausgiebig kann die sehr quirlige Sandra Pires, der man als Maria allerdings anhört, dass sie eine poppige Mikrofonstimme hat, den Kleinen die Vorzüge einer Dur-Tonleiter beibringen.

Das erweicht auch den etwas hölzernen Michael Kraus (als Baron von Trapp stimmlich angenehm, aber nicht immer durchschlagskräftig). So steht dem Glück an sich nichts mehr im Wege. Außer eben die Nazis und die Aversion des Kapitäns gegen diese nahende Macht, die dann recht plakativ Bühnenwirklichkeit wird.

Als die Trapps zum Finale noch bei den Salzburger Festspiele singen müssen, sind Soldaten im Zuschauerraum postiert und hinter der Familie prangt ein riesiges Hakenkreuz. Auch dabei kommt es jedoch nicht zu einer atmosphärischen Verdichtung der Vorgänge - alles bleibt behäbig, langsam und in Summe einfach grell.

Auch Heidi Brunner (als Mutter Oberin), Renate Pitscheider (als Elsa Schrader), Peter Pikl als Impresario Dettweiler) und Thaddäus Podgorski (als NS-Repräsentant) machen solide Mienen zum biederen Spiel. Dirigent Erich Kunzel und das Volksopernorchester versagen sich übergroße Sentimentalität, können allerdings auch nicht für besondere Intensitätsschübe sorgen.

Was man sah, war eine Volksoper der ziemlich alten Schule, mit irritationsfreien Ideen. Kein besonderer Wurf. Mögen das Haus dennoch voll werden. Es hat dies wohl einigermaßen nötig. (Ljubisa Tosic/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28. 2. 2005)

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    Singen in allen Lebenslagen: Sandra Pires (als Maria) und die sieben Trapp-Kinder knapp vor dem Einschlafen

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