Ehemaliger US-Botschafter in Österreich Henry Grunwald gestorben

27. Februar 2005, 19:50
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1938 aus Wien vertrieben - Als "Time"-Chefredakteur schrieb er Mediengeschichte - War in der Waldheim-Ära in Wien - Mit Porträt

New York - Der ehemalige Botschafter der USA in Österreich und Chefredakteur des Nachrichtenmagazins "Time", Henry A. Grunwald, ist am Samstag in seiner Wohnung in Manhattan an einem Herzleiden gestorben, wie seine Tochter Mandy mitteilte. Grunwald war von 1988 bis 1990 Botschafter in Wien. Zuvor hatte er elf Jahre das "Time"-Magazin geleitet.

Der Sohn des in der Zwischenkriegszeit bekannten Operettenlibrettisten Alfred Grünwald wurde am 3. Dezember 1922 in Wien als Heinz Anatol Grünwald geboren. 1938 musste die jüdische Familie nach dem "Anschluss" vor den Nazis flüchten und gelangte über Frankreich und Marokko in die Vereinigten Staaten, wo Henry Grunwald eine journalistische Bilderbuchkarriere gelang. Er hinterlässt eine Ehefrau, Louise Melhado, und drei Kinder, einen Stiefsohn sowie vier Enkel. Seine erste Frau Beverly Suser starb 1981.

In Wien in der Waldheim-Ära

Henry A. Grunwald war von US-Präsident Ronald Reagan als Botschafter nach Wien entsandt worden, nachdem der 1986 gewählte Bundespräsident Kurt Waldheim wegen seiner umstrittenen Kriegsvergangenheit von den USA auf die "Watchlist" gesetzt worden war. Grunwald selbst hielt die Entscheidung Washingtons, den früheren UNO-Generalsekretär mit einem bis heute gültigen Einreiseverbot zu belegen, in Anbetracht der amerikanischen Gesetzeslage für "unvermeidlich".

Amerikanische Pressegeschichte schrieb der Verstorbene als "Time"-Redakteur in der Zeit des Watergate-Skandals mit einem spektakulären Leitartikel, in dem er Präsident Richard M. Nixon im November 1973 zum Rücktritt aufforderte. Der "Albtraum" müsse beendet werden, "ein neuer Anfang muss gemacht werden. Manche mögen im Rücktritt des Präsidenten ein Zeichen der Schwäche und der Niederlage sehen, doch wäre es in Wirklichkeit ein Zeichen des genauen Gegenteils", hatte er damals geschrieben. Nixon trat 1974 zurück.

Grunwald war Vorstandsmitglied der American-Austrian Foundation sowie des Vereins "American Friends of the Salzburg Festival". Von der Republik Österreich wurde er mit dem Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst Erster Klasse ausgezeichnet.

Nach dem "Schock" der erzwungenen Flucht seiner Familie aus Österreich hatte der Emigrant in den USA seine neue Heimat gefunden. "Zurückblickend möchte ich die Fahrkarte nicht zurückgeben, selbst wenn ich könnte. Weder die Fahrkarte für mein Leben noch die Fahrkarte für Amerika", lautet der Schlusssatz seiner Memoiren. In einem APA-Interview zu seinem 75. Geburtstag sagte Grunwald: "Ich habe mir nie irgendetwas von Österreich erwartet." (APA/AP)

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    Henry A. Grunwald bei der Verleihung des österreichischen Ehrenkreuzes für Wissenschaft und Kunst im April 2002 in New York.

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