Evolution der feuchten Medien

13. März 2005, 16:04
12 Postings

Roy Ascott, einer der bekanntesten Technikvisionäre und Internetpioniere, im STANDARD-Interview über sprechende Gadgets und Sciencefiction

Er ist einer der bekanntesten Technikvisionäre und Internetpioniere: Stephan Hilpold sprach mit Roy Ascott über sprechende Gadgets, die Verheißungen der Sciencefiction und sein Verhältnis zu Special Effects.

DER STANDARD: Herr Ascott, stehen Sie auch auf Tech-Gadgets?

Ascott: Es hat 25 Jahre gedauert, bis es endlich jenes Gerät gab, das ich 1979 haben wollte, als ich anfing, mit telematischen Systemen zu arbeiten. Ich verwende den Handspring Trio, ein ähnliches Gerät wie der BlackBurry. Eine Kombination eines Palm, eines Navigators und eines mobilen Telefons. Er hat mein Leben verändert.

DER STANDARD: Erfüllt er alle Ihre Wünsche?

Ascott: Nein, das Gerät ist eigentlich recht simpel. Ich kann nicht einmal mit ihm sprechen. Es ist auch dumm, ein solches Gerät ständig mit sich herumtragen zu müssen, aber ich bin sicher, dass Tech-Gadgets bald in unsere Kleider integriert werden und in baldiger Zukunft wohl auch in unsere Körper.

DER STANDARD: Werden wir unsere Körper in Zukunft technisch hochrüsten?

Ascott: Ohne Zweifel werden Geräte unsere Körper technologisch beobachten, allein schon aus medizinischen Gründen. Wichtig finde ich aber etwas anderes: Unsere Auffassung des Körpers, die sich seit der Aufklärung kaum geändert hat, wird sich durch Implantierung von Geräten im Bereich des Hirns radikal ändern.

Ein evolutionärer Schritt

DER STANDARD: Wie meinen Sie das?

Ascott: Vor uns liegt ein weiterer evolutionärer Schritt. Ich habe dafür den Begriff "Moist Media" (feuchte Medien) geprägt. Reden wir nicht über Entwicklungen im Computer- oder Gadgetbereich, das ist alles zu einfach gedacht. Es geht darum, wie Computersysteme mit der Biologie zusammenfließen, wie das zum Beispiel in der Nanotechnologie passiert. Reden wir darüber, wie man unsere organischen Körper technisch weiterentwickeln kann.

DER STANDARD: Das birgt viel Risiko in sich, neben den ethischen Überlegungen stellt sich die Frage, ob wir dadurch nicht sehr einfach kontrolliert werden können.

Ascott: Kontrolle war immer schon ein Problem. Die erste Technologie, die die Menschen erfanden, war die Sprache. Sie ist eine der am stärksten kontrollierten Technologien überhaupt. Aber ich verstehe natürlich die Gefahr der Überwachung all unserer Regungen und Bewegungen. Nur: In zwanzig, dreißig Jahren, wenn diese Technologien Wirklichkeit sein werden, wird sich auch unsere Einstellung verändert haben, was erlaubt und was nicht erlaubt ist.

DER STANDARD: Sie meinen, wir leben dann sowieso in einem Polizeistaat?

Ascott: Nein, im Gegenteil, die sprachliche und sexuelle Bewegungsfreiheit wird dann viel größer sein als heute. Man sieht diese Entwicklung im derzeitigen Reality-TV vorgezeichnet. Die Antwort auf die Überwachung wird die Ausweitung aller Möglichkeiten und Tabus sein.

DER STANDARD: Wir sprechen über weit vor uns liegende Entwicklungen. Schauen wir für einen Moment zurück: Was war für Sie die größte technische Revolution der vergangenen Jahrzehnte?

Ascott: Das Aufkommen des Hyperlink, das heißt, die Möglichkeit, sich entlang assioziativer Gedankenwege zu bewegen. Das führte zu einer transdisziplinären Lösung vieler Probleme. Mithilfe von Hyperlinks bewegt man sich durch wesentlich breitere Wissensfelder. Das hat auch Auswirkungen auf die Wissenschaften: Während in den klassischen Wissenschaften Gedanken linearen Bewegungen folgten, ist dies einer viel größeren Auffächerung der Gedanken gewichen.

DER STANDARD: Wie hat Sciencefiction unsere Vorstellung von der Zukunft in der Vergangenheit geprägt?

Ascott: Ohne darüber genaue Untersuchungen angestellt zu haben: Ich glaube, dass Sciencefiction bei Weitem nicht so einflussreich war wie das Einschwappen der höheren Wissenschaften in den Alltagsbereich. Der Sciencefiction-Autor Greg Egen zum Beispiel ist ein Meister der Vorhersehung. Aber selbst er arbeitet mit dem, was bereits da ist, und nicht mit dem, was sein könnte.

DER STANDARD: Trotzdem orientiert sich gerade technisches Design stark an klassischen Sciencefiction-Stoffen, man denke zum Beispiel an Jules Vernes '20.000 Meilen unter dem Meer'.

Ascott: Was die Stoffe des 19. Jahrhunderts anbelangt, finde ich, dass es derzeit eine ganz andere Konjunktur gibt: die Idee der Materialisation von Objekten, der Quanten-Teleportation, von Telepathie, also all der Phänomene, die wir mit der Wissenschaft und der Sciencefiction des 19. Jahrhunderts in Verbindung bringen. Zum Beispiel das Problem, an zwei Stellen zur gleichen Zeit zu sein.

DER STANDARD: Verschmilzt in Zukunft die rationale Wissenschaft mit einer bisher eher dem Esoterischen zugerechneten Sphäre?

Ascott: Ich bin davon zutiefst überzeugt. Die Bedeutung unserer heutigen Kommunikations- und Informationstechnologie liegt im Bereich des Bewusstseins. Es ist das Bewusstsein, worum sich derzeit in den Wissenschaften alles dreht. Wir verstehen zwar das Gehirn, nicht aber das Bewusstsein. Zukünftige Technologien werden uns dabei aber helfen.

DER STANDARD: Welche Technologien kündigen sich in diesem Kontext jetzt bereits an?

Ascott: Denken Sie an die Forschungen von Anton Zeilinger in Wien. Das ,Beamen' eines Atoms war ein wichtiger Schritt. Oder die Nanotechnologie-Forschungen an der UCLA, die sich mit der Immaterialität der Quantenwelt beschäftigen.

DER STANDARD: Sie beschäftigen sich im Speziellen mit Kunst und Technologie. Welche Möglichkeiten hat die Kunst, diese Themen aufzugreifen?

Ascott: In dem Bereich, der mich am wenigsten interessiert, aber am meisten unterhält, in jenem der Special Effects, tut sich einiges. Als interaktive Kunst in diesem Bereich startete, war es eine sehr intime Geschichte. Mittlerweile geht es vor allem um Effekte. Ich plädiere für intimere Lösungen.(Stephan Hilpold/DER STANDARD/ Rondo/25.2.2005)

Zur Person

Der Brite Roy Ascott ist ein Pionier der Kybernetik und der telematischen Kunst. Seine Arbeiten richten sich auf den Einfluss des Digitalen und der Telekommunikation auf das Bewusstsein. Er war u. a. Prof. für Kommunikations- theorie an der Hochschule für angewandte Kunst, Wien, und beteiligte sich u. a. an der Biennale in Venedig und der Ars Electronica in Linz. Derzeit ist er Leiter des Planetary Collegium und Professor für Technoethik an der Universität Plymouth.

Zuletzt ist von Roy Ascott im Buchhandel erschienen: Telematic Embrace: Visionary Theories of Art, Technology and Consciousness. California University Press, Berkeley 2003.

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.