Gewollt kinderlos

27. Februar 2005, 17:00
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Über eine Entscheidung, die im Speziellen für Frauen vor der Gesellschaft zu rechtfertigen ist

Kaum jemand kennt sie nicht, die Leute im näheren Umfeld, die sich oft schon Mitte Zwanzig spießroutenläufig um Elternschaft bemühen. Und zum größten Teil unverständige Reaktionen einkassieren. "Die haben doch Zeit."
Ein anderer weit verbreiteter Satz ist dieser hier: "Die Entscheidung wirst Du bereuen." Als Reaktion auf den gegenteiligen Beschluss. Der Frau. Nämlich tunlichst nicht schwanger zu werden und zu bleiben.
Und diese Reaktion ist eine, die bei den ÜbermittlerInnen meist keine zwinkernde Nuance entdecken lässt. Denn Mutterschaft ist eine weibliche Kompetenz, da biologische Faktizität. Und Mütterlichkeit ist Tradition, nach wie vor, das neue Jahrtausend und etliche Sprachrohre seiner Politik weisen darauf hin. Kontinuierlich.

Dass der gesellschaftliche Druck auf diejenigen Frauen, deren Entscheidung es ist, keine Kinder in die Welt zu setzen, ein deutlicher ist, ist nicht von der Hand zu weisen. Nicht, dass kinderlose Frauen etwas Ungewohntes wären - den unverheirateten, "übrig gebliebenen" oder den reproduktionstechnisch eingeschränkten sei's ja verziehen! Aber der neue Masse an verheirateten oder in Partnerschaft lebenden Frauen ohne Kinder nicht.
Nicht die Kirche, die bei vorab laut gemachter Absicht, Kinderlosigkeit auch nach der Heirat der rechten Elternschaft vorzuziehen, schon mal die Trauung verweigert. Nicht die (neo)konservativen PolitikerInnen, die sich um Werte, Pflichten, Rollenfestschreibungen samt Neuformulierungen und...ja, Pensionen Sorgen machen.

Auch nicht zu vernachlässigen wären die psychologischen Implikationen, die sich aus der Diskreptanz der erlebten Mutterschaft in der Tochterrolle und dem eigenen Distanziert Sein davon ergeben. Stichwort "weibliche Identiät". Oder besser: Geschlechterrollenidentität. Viele Frauen bemühen sich um ein Erfüllen der kreatürlichen Ideologie, wollen bestenfalls von schlechtenfalls als "boyish", aber bitte nicht als "männlich" gelten. Und für die Nicht-Erfüllung, die eine konsequente Verweigerung dieser vorgedachten Rolle sein kann wie auch ein Nicht-Können, steht in letzter Konsequenz die gewollte Kinderlosigkeit, für die die Gesellschaft abwertende Konnotationen im Mund führt, heissa! Kinderfeindlich, egozentrisch, rücksichtslos, um nur einige parolisiernden Attribute anzuführen. Denn Volkes Mund weiss, dass sie schuld sind, die kinderlosen Emanzen, an der Zerrüttung des Abendlandes.
Das Bewusstsein, Feindbild - oder gelinde: Außenseiterin - zu sein, kann Genugtuung sein, aber...Eben. Und das Feindbild sucht sich eben solches, das, welches gebraucht wird, um ersteres zu generieren: in dem Fall die Mütter.
Katze - Schwanz.

Und das trifft auf beide Lebensmodelle zu: das kinderlose sowie das Mutter-Modell. Gesellschaftliche Sanktionen sind da und dort zu erwarten, nur von unterschiedlichen Gesellschaftssegmenten - und einer breiten, beide betreffenden Front, der gegenwärtigen Politik nämlich. Redundant, aber nötig zu wiederholen, damit aus Sanktion endlich Unterstützung wird: Schaffung besserer Infrastruktur für Kinderbetreuung einerseits und höhere Fraueneinkommen andererseits - nicht, um Babies wieder boomen zu lassen, sondern weil es eine selbstverständliche Verpflichtung eines EU-Mitgliedlandes ist. Und dazu beitragen würde, Zugzwang auf Frauen zu abzubauen. (red)

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    Gesellschaftlicher Druck auf Frauen, Kinder zu bekommen, wirkt sich mannigfaltig aus.
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