Nach Tiroler Seilbahnzwischenfall: Sachverständige zurückhaltend

27. Februar 2005, 21:04
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Seilrolle war gebrochen - Fahrgäste wollten vor Zwischenfall Geräusch gehört haben

Innsbruck - Nach dem schweren Zwischenfall beim Vierersessellift Schönbodenbahn im Skigebiet Axamer Lizum bei Innsbruck waren am Sonntag die Sachverständigen am Zug. Die Bahn bleibe vorerst außer Betrieb, teilte die Liftgesellschaft mit. Die beiden verletzten Deutschen konnten noch am Samstag nach Hause. Die zwei verletzten Wienerinnen dürfen voraussichtlich am Montag die Innsbrucker Universitätsklinik verlassen.

Die Untersuchungen über die Unfallursache waren am Sonntag in vollem Gange. An Ort und Stelle waren Sachverständige der Innsbrucker Staatsanwaltschaft und der Seilbahnbehörde sowie ein akkreditierter Sachverständiger. Sie begutachteten die unfallkausale Seilrolle sowie die Stütze.

Der Zwischenfall hatte sich am Samstag gegen 11.30 Uhr auf 2.100 Metern Höhe ereignet. Bei der Schönbodenbahn wurde vermutlich auf Grund einer defekten Laufrolle der nachfolgende Sessel ausgedreht. In der Folge stürzte der mit vier Personen besetzte Sessel aus bisher unbekannter Höhe zu Boden.

Die Passagiere, zwei Deutsche (ein 28-Jähriger aus Würzburg und ein 15-Jähriger aus Mainburg), sowie zwei Frauen im Alter von 35 und 32 aus Wien wurden dabei unbestimmten Grades verletzt. Die Verunglückten wurden mit Hubschraubern in die Klinik Innsbruck und in das Bezirkskrankenhaus Hall in Tirol gebracht.

Die Bergung der 140 Skifahrer vom stehenden Lift erfolgte von fünf Teams der Bergrettung bzw. der Liftgesellschaft. Außerdem führten drei Hubschrauber Seilbergungen durch. Die Bergung dauerte drei Stunden, ehe die letzten Skifahrer in Sicherheit waren.

Sachverständige zurückhaltend

Die an Ort und Stelle tätigen Sachverständigen von Gericht, Landesregierung und Seilbahnbetreiber zeigten sich in einer ersten Reaktion am Nachmittag zurückhaltend. Ein erster Vorbericht soll bis Ende der kommenden Woche vorliegen nach entsprechenden Untersuchungen der Technischen Universität Wien. Bekannt wurde außerdem, dass Fahrgäste vor dem Zwischenfall ein verdächtiges Geräusch gemeldet hätten. Noch bevor ein Seilbahnbediensteter dies überprüfen habe können, sei es zu dem Zwischenfall gekommen, erklärte der Bahnbetreiber in einer Pressekonferenz.

In ganz Österreich seien derzeit etwa 500.000 derartige Rollen bei Seilbahnen im Einsatz. In Tirol dürften "vier bis fünf Anlagen" in Betrieb sein. Die Bahnbetreiber sollen zu besonderer Vorsicht und zusätzlichen Kontrollen aufgefordert werden, erklärten Vertreter der Tiroler Landesregierung.

Der Schaden sei nicht eins zu eins auf andere Anlagen übertragbar, erklärte der Sachverständige der Tiroler Landesregierung, Klaus Oberdorfer. Weitere genaue Schadenserhebungen seien notwendig. Es handle sich um eine besondere Konstruktion. Der seinerzeitige Errichter der Anlage sei in Konkurs gegangen, Unterlagen müssten daher erst ausgehoben werden. Unklar sei außerdem, warum sich der Klemmmechanismus geöffnet habe und daraufhin der Sessel in die Tiefe gestürzt sei.

Der Sachverständige des Gerichts, Hubert Schupfer, meinte zu den Berichten der Augenzeugen, dass zuerst die Vernehmungsprotokolle der Gendarmerie abgewartet werden müssten. Untersuchungen kündigte er auch für das Seil an, das bei dem Vorfall beschädigt wurde.

Der von der Wirtschaftskammer zuständige Techniker Robert Steinwander sprach von einem ungünstigen Zeitpunkt, an dem alle negativen Faktoren zusammen getroffen seien. Die Konstruktion der Anlage habe bisher als "sehr sicher und durchdacht" gegolten.

Unternehmenssprecher Michael Stiller verteidigte die 14 Jahre alte Bahn. Normalerweise betrage die Lebensdauer 25 Jahre. Man sei an einer lückenlosen Aufklärung interessiert. Seilbahnen nach 14 Jahren komplett zu erneuern, werde nicht zielführend sein, meinte Stiller. (APA)

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