Eine jüdisch-arische Familienchronik mit Ausgangspunkt in Wien

28. Februar 2005, 07:06
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Unausweichlich wie eine griechische Tragödie

In der Herklotzgasse 21 im 15. Wiener Gemeindebezirk befinden sich die Veranstaltungsräume des Kulturzentrums "Brick- 5". Dass Inge Rowhani-Ennemosers Familienchronik Nachricht vom Verlust der Welt gerade dort vorgestellt wurde, hat seinen Grund. Denn hier laufen die Fäden ihrer Familiengeschichte zusammen.

Bis vor kurzer Zeit gehörte das heruntergekommene Gebäude der Israelitischen Kultusgemeinde. Als die Autorin es besuchte, stieß sie auf Karteikästen mit den Auswanderungsdaten aus den Jahren 1938 und 1939. Sie stapelten sich bis zur Decke. Und sie begegnete der Schwägerin des Ariseurs. Dieser musste das Haus nach dem Krieg der Kultusgemeinde zurückgeben, ohne Entschädigung, was die Frau noch im Jahr 2000 empört.

Rowhani-Ennemoser, die als Juristin viele Jahre im österreichischen Sozialministerium für Frauenangelegenheiten zuständig war, hat es erst nach dem Tod ihrer Mutter gewagt, den schmerzhaften Spuren ihre Familie zu folgen.

Neben zwei nach dem Krieg geborenen Halbgeschwistern hat die Autorin eine Mutter, die je nach Lebensabschnitt Maria, Marie oder Mitzi hieß, drei Väter und eine uneheliche Halbschwester, deren Erzeuger im Dunkeln bleibt: Lotte. Rowhani-Ennemosers leiblicher Vater Otto hat sein Grab in Russland gefunden. Der Mann, mit dem die Mutter bis ein halbes Jahr vor der Geburt der Autorin verheiratet war, hieß Georg Flohr und war Jude. Mit ihm lebte die zum Judentum übergetretene Marie in der Herklotzgasse 21.

In der Pogromnacht kann sie sich gerade noch rechtzeitig mit Lotte vor den randalierenden SA-Horden ins Nachbarhaus retten. Georg wird zusammen mit den obdachlosen jüdischen Männern, die in der Turnhalle Unterschlupf gefunden haben, nach Dachau deportiert. Während der 152 Tage seiner "Schutzhaft" taucht in Wien Otto Ennemoser auf, ein Bekannter Maries aus früheren Tagen.

Noch während Georg in Dachau ist, sucht Marie vergeblich nach einem Aufnahmeland für beide. Nach Palästina jedoch will sie nicht mitkommen. Die Nerven liegen blank, der Graben zwischen dem Juden, der weg muss, und der jüdischen "Arierin", die am Ende doch lieber bleiben will, wird tiefer. Unausweichlich, wie in einer griechischen Tragödie, driftet die Familie auseinander. Ende April 1939 schifft sich Georg nach Palästina ein. Der Abschied des Ehepaars verläuft frostig.

Marie lebt in ständiger Angst um das Leben ihrer ältesten Tochter, auch sie zum jüdischen Glauben übergetreten. Völlig unvorbereitet wird Lotte am 6. Juni 1939 von Marie und Otto zum Westbahnhof gebracht. Mama und Papa werden sie bald bei ihrer schwedischen Pflegefamilie abholen. Welcher Papa ist gemeint? Lotte ist neun Jahre alt und wird ihre Mutter 17 Jahre lang nicht wiedersehen. Sie ist in Schweden geblieben und hat dort ihre eigene Familie gegründet. Die Wunde, die ihre damalige Verschickung aufgerissen hat, ist nie verheilt.

Während sich Georg in der Nähe von Haifa vor Heimweh verzehrt und auf eine Versöhnung mit Marie hofft, betreibt diese in Wien die Scheidung. Am Ende muss Georg verbittert einwilligen. Ob er weiß, dass Marie, die von Otto liebevoll Mitzi genannt wird, schwanger ist? Aus einem Familienfoto aus besseren Tagen hat sie ihn herausgeschnitten. Oder war es Otto?

Bald nach der Geburt des Ingerl im Juli 1940 heiraten Mitzi und Otto. Zum Zeitpunkt von Inges Zeugung war ihre Mutter jedoch noch mit dem Juden Flohr verheiratet. Ehe Otto sein Kind legitimieren kann, muss der "jüdische Mischling" "arisiert" werden. Der Vorgang dauert bis Mai 1941. Die 500 Reichsmark, die er kostet, muss sich Mitzi stunden lassen, Otto ist im Feld und kann nicht zahlen. Nach dem Krieg hat der Nachfolger des Nazianwalts die Stirn, die Schuld einzutreiben. Mitzi muss 1951 für die "Arisierung" ihrer Tochter 130 Schilling und 40 Groschen bezahlen.

Zwar lassen die Handlungen von Maria/Marie/Mitzi so manche Frage offen, über dokumentarisches Material kann sich Rowhani-Ennemoser auf ihrem Weg zurück in die Vergangenheit nicht beklagen. Mitzi hat alles aufbewahrt: Georgs immer sehnsüchtiger werdende Briefe aus Palästina. Lottes kindliche Sätze in zunehmend schlechtem Deutsch aus Schweden, die ahnen lassen, dass sie bei ihren Pflegeeltern kreuzunglücklich ist. Behördenkorrespondenz und amtliche Dokumente. Und Fotos: Marie und Georg bei ihrer Hochzeit 1935, Otto beim Reichsarbeitsdienst, Otto in Wehrmachtsuniform, Mitzi mit Inge in Amstetten, Lotte, eine 19-jährige, schwedische Schönheit. Vor allem aber Ottos 423 nummerierte Briefe aus seiner Wehrmachtszeit, viele über zehn Seiten lang.

Ottos Briefe aus dem Krieg berichten von der zunehmenden Ernüchterung des anfänglich begeisterten Nationalsozialisten. "Ich bin schon so weit, dass ich den Kompaniehund beneide", schreibt der sensible Mann 1941 über den Drill in Prag. "Kann denn ein Herrgott solchem grenzenlosen Elend und solchen Massenschlächtereien auf die Dauer zusehen?", klagt er in einem seiner letzten Briefe von der russischen Front im März 1942.

Die Zerstörung der unter die Räder der Geschichte geratenen Menschen, deren Leidenschaften und Verletzungen keine Chance auf Heilung haben, wird von der nachgeborenen Autorin mit Empathie und Distanz erzählt. Es gibt in dieser Geschichte keine guten und schlechten Menschen, und keine der handelnden Personen, deren Fotos man immer wieder anschauen mag, hat sich ihr Schicksal ausgesucht. Rowhani-Ennemosers Fragen an alle, die gestorben sind, ehe sie antworten konnten, die aber vielleicht auch gar nicht antworten wollten, werden an die Leser weitergereicht.

Schade nur, dass dem Verlag bei dem schön gestalteten Buch Flüchtigkeitsfehler wie fehlende Bildlegenden und eine falsche Paginierung im Inhaltsverzeichnis unterlaufen sind. (ALBUM/DER STANDARD, Printausgabe, 26./27.02.2005)

Von Erica Fischer

Inge Rowhani-Ennemoser:
Nachricht vom Verlust der Welt, Spuren einer Familie.
€ 17,90/311Seiten.
Mandelbaum Verlag, Wien 2004
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