Literatur aus der Dachluke

4. März 2005, 13:08
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Eva Menasses Romandebüt "Vienna" und die Kapitulation des Literaturbetriebes

Wenn das literarische Debüt einer erstklassigen Feuilletonistin bei Kiepenheuer & Witsch erscheint, die FAZ den Vorabdruck übernimmt, Hubert Spiegel aus Frankfurt der Kollegin ein Hurra! als Rezension hinterherruft und das Buch für den neu gegründeten Preis der Leipziger Buchmesse nominiert wird, dann kann eigentlich nichts mehr schief gehen. Debüt gelungen. Klappe halten.

Und warum sollte man den deutschen Kollegen nicht einmal eine Freude machen? Wenn die Marketingmaschine so schön schnurrt und eine Startauflage von 50.000 Stück in den Regalen liegt? Wir sind keine Spielverderber. Wir wissen ein Phänomen zu schätzen und haben dem Marketing der Eskalation nur Zurückhaltung entgegenzusetzen. Hier beginnt die Komplikation. Denn was, wenn Eva Menasses wirtschaftlich groß angelegter Debütroman Vienna künstlerisch misslungen wäre?

In einem jüngst der Presse gegebenen Interview sagt die Autorin: "Wenn man als Journalist den ersten Roman schreibt und deswegen von anderen Journalisten schief angeschaut wird, ärgert mich das. Ich bin Journalistin geworden, weil ich das als eine Art Schreibschule sehe . . . Ich misstraue eher den Leuten, die plötzlich aus einer Dachluke klettern mit dem Manuskript und vorher zum Beispiel Kellner waren."

Der Romane schreibende Journalist und Literaturkritiker ist natürlich nicht das Problem. Erst in seinem Scheitern entwickelt sich die Sprengkraft des misslungenen Selbstbezuges: denn der Literaturkritiker, der ein miserables Buch schreibt, ist eine im Tschechow'schen Sinne "lächerliche Figur" und gehört wie der betrogene Betrüger oder der Finanzminister, der Steuern hinterzieht, ins Reich der Farce. Und die Farce ist hier nicht bloß humoristische Posse, sondern die genaue Darstellung der anhaltenden Selbstauflösung des Literaturbetriebes. Sie markiert den Ort der Kapitulation, den Ort, an dem der Literaturbetrieb in Buchform zeigt, was er wirklich von der Literatur hält.

Es steht also mehr auf dem Spiel, als man glauben möchte. Wer nun in diesem Trümmerhaufen der Phänomene, innerhalb des Schimmerns eines Fait accompli nach dem Buch selbst sucht, der findet eine streckenweise unterhaltsame, leider aber mit beschränkten Mitteln erzählte Familiengeschichte des 20. Jahrhunderts: Von der Geburt des Vaters bis zum Tod des Großvaters, von den Dreißigern also bis in die Gegenwart spannt die Icherzählerin ihren Erzählhorizont und überlädt ihn mit einem Allerlei an Anekdoten. Der namenlose Vater der Erzählerin, selbst Sohn eines jüdischen Vaters und einer katholischer Mutter, entkommt dem Krieg auf einem Kindertransport nach England. Als Heimkehrer hat er zwar die Muttersprache verloren, dafür aber eine Karriere als Profifußballer gewonnen. Sein Bruder, der in einer Schneiderei in Soho unterkommt, träumt davon, auf alliierter Seite in den Krieg gegen Deutschland zu ziehen, doch als er in die britischen Armee aufgenommen wird, findet er sich bald auf falschem Kriegsschauplatz wieder: Statt auf den Kontinent gegen die Deutschen hat man ihn nach Burma gegen die Japaner geschickt - auch in der Militärlogik der Siegermächte gibt es keinen Platz für die private Vendetta. Nach dem Krieg folgt die Erzählung den verwickelten Verhältnissen, den Geschwistern, Cousins, der ausgebliebenen Wiedergutmachung, dem kleinbürgerlichen Idyll dieser namenlos bleibenden Familie beim Mascherlturnier im Tennisclub S.C. Schneuzel.

Mit den Namen ist es in Vienna überhaupt so eine Sache. Man fragt sich, warum alle zentralen Figuren ohne Namen ins Schlaglicht der Erzählung treten müssen. Denn universell wird die Geschichte dadurch nicht. Warum dafür die anderen Figuren mit Namen wie Doktor Quack, Erpel-Fritzi, Mister Bulldog und Adolf Dolly Königsberger, genannt Königsbee, herumlaufen müssen, bleibt ein großes Rätsel.

Der gegen Ende des Romans von der Erzählerin ausgegebene Befund, dass "die witzigen Passagen immer nur Zwischenspiel zu durchaus ernsteren Überlegungen" seien, wird dabei weder vom Witz noch vom Ernst bestätigt: Gegenüber Menasses brav gescheiteltem Nachkriegshumor wirkt sogar Torberg wie ein Berserker der Subversion, und für ihre zweifellos profunden Einsichten in das Prekäre an der jüdischen Nachkriegsidentität findet Menasse keinen konturierten Ausdruck. Die Zusammenhänge werden nicht am Geschehen transparent gemacht, sondern von den Figuren, meist dem Bruder der Erzählerin, vorgetragen.

Dieser Bruder ist dabei die einzige Figur, die wirklich am Leben zu sein scheint und nicht bloß hinerzählt, behauptet ist. Das überrascht besonders, da Menasse alle drei zentralen Männerfiguren, Vater, Onkel und Bruder, teilweise eng an die Lebensläufe ihrer eigenen Familienmitglieder geschmiegt hat. Am Bruder aber entwickelt sie ihre interessanteren Motive. Von der Fußballbegeisterung seines Vaters überfordert, hält er einen breiten Abstand zu dessen Jagdrevier und macht sich als Historiker einen Namen. Öffentliches Aufsehen erregt seine Studie über den Volkshelden und ehemaligen Präsidenten des Skiverbandes, Felix Popelnik, der als Kriegsverbrecher entlarvt wird. "Es war das Präludium zu Waldheim, und nicht wenige sind heute der Meinung, dass erst wegen Popelnik die Waldheim-Affäre eineinhalb Jahre später überhaupt möglich wurde." Es ist auch der Bruder, der eines Tages seine Familie wissen lässt, dass sie im strengen Sinn überhaupt keine Juden sind. Denn gemäß der Halacha, dem gesetzlichen Teil der jüdischen Überlieferung, ist Jude nur, wer eine jüdische Mutter hat oder konvertiert.

Der kantige, scharfsinnige, bisweilen literarische Stil, mit dem Menasse das Feuilleton der FAZ bediente, ist ihr beim Schreiben von Vienna abhanden gekommen. Das liegt vielleicht an der von ihr gewählten Erzählposition der unaufmerksamen Übereiltheit. Für die Literatur, so scheint es, dreht sie ihr Können zurück. Wenn sie aber etwa schreibt: "Mein Vater und mein Onkel heirateten, zeugten Kinder, ließen sich scheiden und heirateten erneut", dann kommt man ins Staunen. Genauso, wenn daraufhin die familiären Beziehungen in geradezu märchenhafter Harmonie "schwammen". Über das Fußballspiel des Vaters heißt es etwa: "Wie in Trance nahm er wahr, dass ihm schon wieder einer den Ball abnehmen wollte. Aber gern, dachte mein Vater fröhlich, da hast ihn, wennst ihn kriegst, und er schubste den Ball lächelnd mitten zwischen den Beinen des anderen durch, schlug einen Haken und holte seinen Ball wieder ab." Solche Stellen häufen sich und sind im besten Fall nicht der Autorin, sondern dem Lektorat anzulasten. Wenn die Erzählerin am Ende aber darauf besteht, dass sie "kein Gramm Inspiration" besitze, dann kommt man ins Stutzen. Hätte sie gelogen, wäre es Koketterie.

Zur Beglaubigung des Geschehens reicht dieses drastische Zugeständnis nicht hin. Denn wie sehr der Umschlagtext des Buches auch den Topos der Erinnerung als Ursprung des Erzählens bemüht, bleibt dieser in Vienna doch naiv. Es wird Vergangenes für Vergangene erzählt und über weite Strecken Erinnern mit Sentimentalität verwechselt. Hier wird die eigene Familiengeschichte mit Doderer und Torberg abgemischt und als Roman verkauft. Überraschenderweise gefällt das heute wieder. Menasse sagt, sie misstraue dem Dachlukenliteraten - wir zählen weiter auf ihn. (DER STANDARD, Printausgabe, 26./27.02.2005)

Von Christoph Kletzer
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    Eva Menasse:
    "Vienna"
    €20,50/432 Seiten, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2005.

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