Italo Calvino: "Wenn ein Reisender . . ."

25. Februar 2005, 21:27
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Letzter Teil der Serie - Die Geschichte beginnt auf einem Bahnhof, irgendwo in der Provinz, ein Mann mit einem geheimnisvollen Koffer taucht auf...

Jetzt haben Sie sich, liebe Leser, durch die ganze SZ-Bibliothek hindurch gelesen, haben möglicherweise nachgeholt, was Sie schon immer einmal lesen wollten, oder diese Bücher zumindest in Ihren Bücherschrank gestellt, um sie eines schönen Tages zur Hand zu nehmen. Vor Ihnen liegt der letzte Band, Italo Calvinos Wenn ein Reisender in einer Winternacht, der der lustigste und der zugleich verwirrendste von allen zu werden verspricht - handelt er doch von niemand Geringerem als von Ihnen selbst: vom Leser, von der Leserin und vom ganzen Wahnsinn, den das Bücherkaufen und Bücherlesen gewöhnlich mit sich bringt.

Fühlen Sie sich also angesprochen, wenn der große Calvino Sie im ersten Satz mit "du" anredet. Befolgen Sie seine Anweisungen, wenn er die Stimme erhebt: "Du schickst dich an, den neuen Roman Wenn ein Reisender in einer Winternacht von Italo Calvino zu lesen. Entspanne dich. Sammle dich. Schieb jeden anderen Gedanken beiseite. Mach lieber die Tür zu, drüben läuft immer das Fernsehen. Sag es den anderen gleich: ,Nein, ich will nicht fernsehen!' Heb die Stimme, sonst hören sie's nicht: ,Ich lese! Ich will nicht gestört werden!' Vielleicht haben sie's nicht gehört bei all dem Krach; sag's noch lauter, schrei: 'Ich fange gerade an, den neuen Roman von Italo Calvino zu lesen!' Oder sag's auch nicht, wenn du nicht willst; hoffentlich lassen sie dich in Ruhe."

Nicht dass Sie sich gerade von diesem Buch etwas Besonderes versprechen: "Du bist einer, der sich grundsätzlich nichts mehr von irgendetwas verspricht. So viele andere leben noch in der Erwartung, dass ihnen etwas Außergewöhnliches widerfährt, durch Bücher, durch Menschen, durch Reisen, durch Ereignisse oder durch das, was der nächste Tag bringen wird. Du nicht. Du weißt, dass man bestenfalls hoffen kann, das Schlimmste zu vermeiden. Zu diesem Ergebnis bist du gekommen, im Privatleben wie in den großen oder gar weltbewegenden Fragen. Und im Umgang mit Büchern? Eben grad, weil du es dir auf allen anderen Gebieten verboten hast, hältst du es nur für recht und billig, dir dieses jugendliche Vergnügen der Erwartung wenigstens noch in einem so klar umgrenzten Bereich wie dem der Bücher zu erlauben, wo es dir gut und schlecht ergehen kann, wo aber die Gefahr der Enttäuschung nicht weiter schlimm ist."

Und so beginnt - endlich - die Geschichte, auf einem Bahnhof, irgendwo in der Provinz. Ein Mann mit einem geheimnisvollen Koffer taucht auf, eine Frau mit pelzgesäumtem Mantel, ein Kommissar. Gerade beginnt es, richtig spannend zu werden, da muss der Leser feststellen, ein Mängelexemplar in den Händen zu halten: Auf Seite 32 folgt Seite 17 und die Fortsetzung fehlt völlig.

Aufgebracht läuft er zurück in die Buchhandlung. "Aha, also auch bei Ihnen", sagt der Buchhändler. "Wir hatten schon viele Reklamationen. Diese junge Dame da hat dasselbe Problem wie Sie!" Und so tritt nun, Leser, glücklich, die Leserin in dein Gesichtsfeld.

Italo Calvino, der Sprachspieler, den einst Cesare Pavese entdeckte, hat mit Wenn ein Reisender in einer Winternacht nicht nur das hinreißendste Buch über das Lesen geschrieben, sondern zugleich auch eine große Liebesgeschichte: Auf der Jagd nach immer neuen Erzählungen finden Leser und Leserin unverhofft ins Leben - und ins Bett. Und so geht es am Ende eigentlich nur darum, wer von beiden unbedingt noch weiter Calvino lesen will - oder wer endlich das Licht löscht. (DER STANDARD, Printausgabe, 26./27.02.2005)

Von Julia Encke
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    foto: süddeutsche bibliothek
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