Schule des Schmachtens

22. März 2005, 15:51
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"Verliebt in Berlin": 225 Folgen lang versucht eine versteckte Schöne ihren Prinzen für sich zu gewinnen - Sat.1-Chefautor Peter Schlesselmann im STANDARD-Gespräch

225 Folgen versucht eine versteckte Schöne ihren Prinzen auf immer und ewig für sich zu gewinnen. Wer sich solches ausdenkt? Sat.1-Chefautor Peter Schlesselmann, zum Beispiel.

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"Eine Telenovela braucht schöne Bösewichte", sagt Peter Schlesselmann, Drehbuchautor der deutschen Telenovela "Verliebt in Berlin". Die Saga beginnt kommenden Montag genretypisch ausladend: 225 Folgen lang versucht das hässliche Entlein Lisa ihren Prinzen David auf ewig für sich zu gewinnen.

Inklusive Schwanen-Verwandlung, versteht sich. Dass ihr die freilich nur mit Mühe gelingt, dafür hat der Chefautor mehrfach gesorgt: eine eifersüchtige Verlobte, ein hinterhältiger Jungmanager und dessen habgierige Mutter "werfen dauernd Steine in den Weg", erzählt der 35-Jährige.

"Bianca", "Julia" ...

Adaptionen der aus Lateinamerika stammenden Telenovelas gewinnen im deutschsprachigen Fernsehen an Raum: Der ORF fährt mit der schmachtenden "Bianca" seit November gute Quoten ein. Ab August folgt mit "Julia" bereits der nächste Liebesengel. Ende des Jahres zieht ARD mit Teeniesternchen Yvonne Catterfeld nach.

Sieben "Storyliner" entwickeln im Team Woche für Woche je fünf Episoden von "Verliebt in Berlin", skizzieren den groben Handlungsabriss und geben ihn an zehn Dialogbuchautoren weiter. Schlesselmann war Dramaturg im Theater, die hohe Schule des Schmachtens hat er gelernt bei "Gute Zeiten, schlechte Zeiten", der quotenstarken RTL-Daily Soap. Im Moment hält er bei hundert fertigen Folgen von "Verliebt in Berlin".

"Liebe und Romantik vor allen Dingen"

Zum Auftakt rettet Lisa ihrem Prinzen gleich das Leben. "Liebe und Romantik vor allen Dingen", seien unverzichtbare Bestandteile einer Telenovela, sagt Schlesselmann. Bei "Verliebt in Berlin" kämen humoristische Elemente hinzu. Dass die schusselige Lisa gern gegen Säulen rennt, kommt nicht von ungefähr.

1999 passierte der kolumbianischen Schönheitskönigin Anna Maria Orozco in "Yo soy Betty, la fea" Ähnliches. Betty ist erklärtes Vorbild für "Verliebt in Berlin".

Dorftrampel

Die Geschichte vom hässlichen Entlein ließe sich freilich auch anders erzählen: Dass ein unattraktiver, orientierungsloser Dorftrampel erst durch "Ihn" Legitimierung erfährt, selbstbewusst wird. Schlesselmann: "Es ist die Geschichte einer Selbstfindung. Lisa kommt aus einem kleinen Ort in die Stadt, hat den Traum, etwas aus ihrem Leben zu machen. Sie muss lernen, sich selbst zu vertrauen, auf ihre eigene Stärke zu bauen. Am Ende ist es vielleicht so, dass sie ihm zeigt, worauf es ankommt im Leben."

Dann sind es also auch keine überkommenen Klischees, dass der Chefdesigner überdreht, hysterisch und offensichtlich schwul ist? "Ich glaube, das sieht der Darsteller anders", entgegnet Schlesselmann. Lisa Plenske zeige "die Diskrepanz zwischen Sein und Schein."

"Wir wollen unterhalten"

Gesellschaftskritik, wie sie die lateinamerikanischen Telenovelas mitunter üben, etwa zu Themen wie Machismo oder Homosexualität stehe dennoch nicht im Vordergrund: Was der tuntige Chefdesigner auch kaum vermuten ließe. Schlesselmann: "Wir wollen unterhalten." (Doris Priesching/DER STANDARD; Printausgabe, 26./27.2.2005)

  • "Verliebt in Berlin", ab kommender Woche auf Sat.1 zu sehen.
    foto: sat.1

    "Verliebt in Berlin", ab kommender Woche auf Sat.1 zu sehen.

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