Pressestimmen: Das Ende des "Einander-in-die-Seele-Schauens"

25. Februar 2005, 10:14
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The Times": Putin und Bush voneinander enttäuscht - "Iswestija": Persönliche Beziehung lässt Konflikte verblassen

London/Moskau/Basel - Internationale Pressestimmen zum Besuch von US-Präsident George W. Bush in Europa sowie zum Gipfeltreffen Bushs mit dem russischen Staatschef Wladimir Putin vom Freitag:

Die konservative The Times

Putin und Bush voneinander enttäuscht

"Nach ihrem ersten Treffen in Slowenien vor vier Jahren hatte George W. Bush berichtet, dass er in die Augen von Präsident Putin schaute und die Seele eines Mannes gesehen habe, dem er trauen kann. Gestern trafen sie sich in der Slowakischen Republik und Bush fand die Augen Putins beträchtlich blickdichter. Das frühere Vertrauen, geformt von Jovialität und naiven Hoffnungen auf sich annähernde Interessen, ist zu Vorsicht und Enttäuschung auf beiden Seiten geworden. Die USA fürchten, dass Putin sich als autoritär entpuppt, mit wenig Zeit für eine pluralistische Demokratie. (...) Die Russen wiederum stoßen sich an dem, was sie als Einmischung der USA in ihre inneren Angelegenheiten und in die der früheren Sowjetrepubliken sehen und beschuldigen die USA doppelter Standards hinsichtlich des Terrorismus."

"Iswestija" (Moskau): Persönliche Beziehungen lassen Konflikte verblassen

"Das Gipfeltreffen in Preßburg war ein Vorbild für Korrektheit in den Beziehungen der beiden Staaten. Die Phase des "Einander-in-die-Seele-Schauens" wie beim Treffen in Ljubljana (vor vier Jahren) ist aber vorbei. Die Tradition der jüngsten russisch-amerikanischen Beziehungen bleibt dennoch bestehen. Die beiden Präsidenten haben öffentlich demonstriert, dass ihre persönliche Beziehung zueinander jeden Konflikt verblassen lässt."

"Basler Zeitung": Bush stellt Putin Freibrief aus

"Von einem Präsidenten der USA, der sich die Ausbreitung der Demokratie in aller Welt auf die Fahne geschrieben hat, hätte man gegenüber Russlands zunehmend autoritärem Präsidenten schon etwas mehr erwarten dürfen als George W. Bushs laue Andeutung von Kritik. Die tat Wladimir Putin umso weniger weh, als der US-Präsident seinem russischen Kollegen einen Freipass für seine Politik ausstellte. Denn Bushs Formulierung, er werde auch in den nächsten vier Jahren einen "konstruktiven Dialog" mit seinem Freund Wladimir Putin pflegen, bedeutet nichts anderes. Der Kreml-Herr seinerseits schaffte das raffinierte Kunststück, ein Lippenbekenntnis zur Demokratie mit der faktischen Absage an die Demokratie und ihre Werte zu verbinden. Das nämlich ist die Übersetzung des Satzes Putins, man müsse bei der Umsetzung der Demokratie die russischen Traditionen und die russische Geschichte berücksichtigen."

Die linksliberale "Information" (Kopenhagen): Bush verabschiedet sich von Politik der Alleingänge

"Bei seiner Heimreise aus Europa hat George W. Bush allgemein den Eindruck eines Präsidenten hinterlassen, der nun Zusammenarbeit mit Frankreich und Deutschland als seinen wichtigsten Partnern im kontinentalen Europa wünscht. Das ersetzt das Beleidigtsein über deren Kritik an seinen Alleingängen sowie den Versuch, beide Länder zu isolieren. Das Prinzip des Teilens und Herrschens scheint nun auf Eis gelegt zu sein zu Gunsten einer pragmatischen Linie, bei der die Partner von Fall zu Fall Möglichkeiten für eine Zusammenarbeit suchen. (...) Willkommen in der wirklichen Welt, Herr Präsident! Einer Welt, in der die geschwächten USA zu Kompromissen gezwungen sind, ungeachtet des schalen Geschmacks, den dies hervorrufen könnte."

"De Volkskrant" (Den Haag): Bush will wirklich bessere Beziehungen zu Europa

"Auch wenn nicht plötzlich von einem "neuen Bush" die Rede sein kann, weist vieles darauf hin, dass er aufrichtig nach einem besseren Verhältnis mit Europa strebt. In diesem Streben hat er besonders die Europäische Union als wichtigsten Gesprächspartner gewählt. Das ist keine Selbstverständlichkeit in Washington, sicher nicht für diesen Präsidenten. Vor allem in der neokonservativen Ecke wird die europäische Integration mit Argwohn betrachtet; da herrscht die Meinung vor, das ganze Projekt diene vor allem deutsch- französischen Ambitionen und dazu, die Macht der USA zu begrenzen. Mit seinem Besuch im Hauptquartier der Union und mit seinen Bemerkungen über ein wünschenswert stärkeres Europa hat Bush von dieser Sicht deutlich Abstand genommen."

"Les Dernières Nouvelles d'Alsace" (Straßburg):

"Dass Präsident Bush in Preßburg Wladimir Putin eine Lektion in Demokratie erteilt hat, ärgert die Russen. Doch auf beiden Seiten weiß man, dass das keine wirklichen Konsequenzen nach sich zieht. Die Realpolitik beherrscht die Beziehungen zwischen Washington und Moskau. Man braucht einander und eine Hand wäscht die andere: Eine bessere Kontrolle des russischen Atomarsenals, die den Verkauf von tragbaren Raketen - Terrorwaffen par excellence - einschränkt, gegen weniger Einmischung der USA in den Ländern des Kaukasus, die sich von Moskau lösen wollen. Man weiß, dass jeder jederzeit einen 'Joker' ziehen kann: Eine russisch-chinesische Annäherung würde den USA ebenso missfallen wie eine chinesisch-amerikanische Verständigung den Russen." (APA/dpa)

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