ÖGB: "Mehr flexiblere Arbeitszeit bedeutet Mehrarbeit für wenig Geld"

28. Februar 2005, 17:08
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Arbeitszeitregelung auch in Zukunft laut Kollektivvertrag

Wien - Die Arbeitgeber fordern eine Flexibilisierung der Arbeitszeiten zur Senkung der Lohnkosten. Dies ist aber nicht im Sinne der Arbeitnehmer, so Fritz Verzetnitsch, Präsident des österreichischen Gewerkschaftsbundes (ÖGB), da eine Arbeitszeitflexibilisierung "nur mehr arbeiten für weniger Lohn" bedeuten würde. Billige Entlohnung schafft nicht mehr Arbeitsplätze, da Arbeitgeber nicht wegen niedriger Löhne mehr Leute einstellen, sondern bei hohen Gewinnerwartungen.

Das österreichische Arbeitsrecht bietet bereits jetzt eine Fülle von Flexibilisierungsmöglichkeiten, die durch die Sozialpartner auf Kollektivvertragsebene ausgeschöpft werden können, so Verzetnitsch. In Österreich gibt es viele verschiedene Wirtschaftsbereiche, und diese brauchen unterschiedliche Regelungen, unterstreicht der ÖGB-Vizepräsident. Momentan gibt es 1481 verschiedene Kollektivverträge in Österreich, darunter 600 Gesamtarbeitsverträge. Anpassungen erfolgen laufend. Im Jahr 2003 wurden in Österreich rund 180 Mio. Überstunden geleistet. Umgerechnet in Vollarbeitszeit ergibt das 90.000 Arbeitsplätze. Derzeit leisten rund zwei Drittel (520.000) Arbeitnehmer regelmäßig Überstunden.

"Lohnraub"

Wirtschaftskammerpräsident Leitl appellierte wiederum an die Gewerkschaft, sich von emotionalen Argumenten ab- und der "Sacharbeit" zuzuwenden. Leitl verlangt einen verlängerten Durchrechnungszeitraum von einem Jahr. Wie viele Einsparungen sich dadurch für die Wirtschaft ergeben würden, konnte Leitl nicht sagen. Dazu der Konter des ÖGB-Präsidenten: "Durchrechnung der Arbeitszeit ohne Kollektivvertrag ist Lohnraub." Das würde bedeuten, dass Überstunden nur noch als Normalarbeitszeit bezahlt würden. Arbeitnehmer verlören somit den Überstundenzuschlag oder sogar das gesamte Überstundenentgelt.

Für einen Beschäftigten in der Metallindustrie (2000 Euro Grundlohn, drei Überstunden/Woche) würde das eine Lohnkürzung von 3000 Euro jährlich bedeuten.

Ein Einzelhandelsangestellter (1500 Euro Grundlohn, zehn Überstunden/Monat) würde rund 1708 Euro im Jahr weniger verdienen, was mehr als ein Monatsgehalt ausmacht. Mit der Abschaffung der Überstundenzuschläge würden rund eine Mrd. Euro von den Einkommen der Arbeitnehmer zu den Arbeitgebern umgeschichtet werden. (ric, miba, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.2.2005)

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