Trapp-Familie mit Nudeln zum Schnitzel

24. Februar 2005, 17:55
8 Postings

Vor der Wien-Premiere von "The Sound of Music" an der Volksoper: Dirigent Erich Kunzel im Interview

Wien – Am Samstag feiert The Sound of Music, Richards Rodgers' und Oscar Hammersteins Broadway-Musical, das noch immer das Österreich-Bild vor allem in den USA nachhaltigst prägt, seine späte Wien-Premiere. Erich Kunzel (69), der seit 40 Jahren das Cincinatti Symphony Orchestra leitet und nunmehr sein Debüt in Wien gibt, über die Trapp-Familie und mögliche politische Brisanz des Themas.

STANDARD: Alle Amerikaner kennen The Sound of Music. Was können Sie über Ihr persönliches Verhältnis zum Stoff erzählen?

Kunzel: Es gibt zwei Geschichten. Die erste, als das Musical 1959 Premiere hatte. Die ganze Musikwelt wusste, dass Oscar Hammerstein, schon schwer krebskrank, sterben würde, dies war die letzte Kollaboration mit Richard Rodgers, eine Art Requiem. Also war es eine berührende Angelegenheit für den Broadway.

Zum anderen: Als man mir vonseiten meiner Plattenfirma Mitte der 80er vorschlug, nach all den vielen Einspielungen einmal ein komplettes Musical aufzunehmen, sagte ich: "Ich habe ein hübsches Mädchen aus Tirol geheiratet, eines meiner Lieblingsmusicals ist The Sound of Music – machen wir es!" Als Maria konnte ich Frederica von Stade gewinnen. Mit ihr war es eine fantastische Erfahrung. Ich nahm über 100 Platten für Telarc auf, das ist noch immer meine liebste.

STANDARD: Waren Sie überrascht, als Sie zum ersten Mal bemerkten, dass in Österreich niemand "Schnitzel mit Nudeln" isst – dass Musical und Film hier kaum bekannt sind?

Kunzel: Ich war überrascht. In Salzburg gibt es die Sound of Music-Tours, die zu den Originalschauplätzen führen. Aber hier in Wien – ich war sehr überrascht zu hören, dass es die Premiere der kompletten Musical-Fassung ist. Wien ist im Hintergrund der Geschichte sehr wichtig. Maria Kutschera lebte hier, besuchte hier die Schule und absorbierte im Stephansdom die Musik, die ihr Leben prägen sollte.

Als der Anschluss kam, wurde er vor allem in Wien sehr begrüßt. Ich denke, dass hier in den Nachkriegsjahren immer noch viele Nazis das Sagen hatten, weshalb man vielleicht Scheu hatte, mit dem Musical nach Wien zu kommen.

STANDARD: Was sind die Herausforderungen der Wiener Aufführung in der Volksoper?

Kunzel: Meine Herausforderung ist der Orchestergraben. Die Musik ist extrem laut. Was wir hier zu erreichen versuchen, ist ein Mittelweg: nicht dieser bombastische Broadway-Sound, aber doch durchgehende Verständlichkeit. Die Instrumentierung zur Begleitung der Dialoge etwa ist zu dick, man muss die Streicher ausdünnen, das Mandolinen-Tremolo ist zu laut, lässt sich aber nicht leiser bewerkstelligen. Hart ist der Umstand, dass ich es im Grunde mit drei verschiedenen Orchestern zu tun habe, manchmal hat man eine völlig andere Bläserbesetzung als am Vortag.

STANDARD: Das Musical trieft von Klischees: Skifahren, Apfelstrudel, Jodeln, Berge, hie die Nazis, da die Österreicher. Kann man das ohne jede Distanz dem Publikum vorsetzen?

Kunzel: Man sollte das die Wiener fragen. Ich behandle den Stoff als historischen, nicht als politischen. Die Leute sollen in die Volksoper kommen und die Musik genießen. Ich habe im September das jüngste Mitglied der Trapp-Familie, Johannes, in Stowe, Vermont, besucht. Er sagte mir auch: Sei vorsichtig hinsichtlich der Presse in Wien. Weil es einige geben könnte, die die Geschichte aufgrund der Nazi-Thematik zum Politikum machen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.2.2005)

Von Andreas Felber

Link

volksoper.at
  • Erich Kunzel bei einer Probe in der Wiener Volksoper
    foto: standard/cremer

    Erich Kunzel bei einer Probe in der Wiener Volksoper

Share if you care.