Design der Angst

1. März 2005, 12:09
posten

Eine Schau über Stanley Kubrick in Berlin gibt Einblicke in seine Formensprache

Man kann den Machern der Ausstellung "Stanley Kubrick", die im Berliner Martin-Gropius-Bau gezeigt wird, nur gratulieren. Die Ausstellung, die erstmals Exponate aus dem Privatfundus des Perfektionisten zeigt, kann wohl kaum mehr in Kubricks Sinne sein. In schlicht und gelungen gestalteten Räumen handelt der Rundgang fast das komplette cinematografische Werk Kubricks ab. Zeit seines Lebens hat Kubrick sich nicht zur Deutung seiner Filme geäußert. Zu "2001" sagte er einmal: "Es ist keine Botschaft, die ich je in Worte fassen möchte. 2001 ist ein nonverbales Erlebnis. Ich habe versucht, ein visuelles Erlebnis zu schaffen, das sich jeglicher Erklärung entzieht und mit seinem philosophischen und emotionalen Gehalt direkt ins Unterbewusstsein dringt." Kubrick setzte auf das Bild in all seinen Formen.

So ist gerade das komplette "Production Design" darauf ausgerichtet, Kubricks cineastische Botschaft und Dialektik zu transportieren. Räume, Tische, Stühle oder Kostüme benutzt Kubrick, um durch sie seine cineastische Vision und seine Geschichte auf der Ebene des Imaginativen sprechen zu lassen. So wurden für "2001" bekannte Firmen wie IBM, Nikon oder Hilton angeworben, sich an dem Design der Zukunft zu beteiligen, um dem Film eine greifbare Authentizität zu geben.

Nehmen wir zum Beispiel den berühmten Soldatenhelm aus "Full Metal Jacket". "Born to Kill" steht darauf, neben dem Peace-Zeichen. Wie lässt sich die Kriegsthematik in Sachen Design eindringlicher darstellen? Kubrick war darin ein Genie. "Die Architektur dient in Übereinstimmung mit der traditionellen, psychoanalytischen Sichtweise als Metapher für die menschliche Seele", hat einmal ein kluger Kopf über das Filmset von "The Shining" geschrieben. Gemeint ist das Labyrinth, in dem sich der Hauptdarsteller am Ende verläuft und erfriert. Letzten Endes ist er den Irrungen seiner Halluzinationen erlegen. Das Modell aus dem Film gibt es ebenso zu sehen wie eine Installation zu "2001", die die Dimensionslosigkeit der Odyssee im All verdeutlichen will. Ist es letzten Endes die Hoffnungslosigkeit des Menschen, einen Sinn zu suchen und nicht zu finden?

Noch viel besser erlebt man Kubricks filmische Idee in der architektonischen Umsetzung der schwarzen Satire "Dr. Seltsam". Ken Adam, der Stardesigner vieler James-Bond-Sets, hatte den spektakulären "War Room" mit seiner bedrohlichen Atmosphäre konstruiert, um "im Widerstreit zwischen den geometrischen Figuren Kreis, Quadrat und Dreieck ein bedrohliches Spannungsgefüge" herzustellen. Zu sehen gibt es auch einen Nachbau der Korowa-Milchbar aus "Clockwork Orange", die in ihrer kalten, entfremdeten Pop-Art-Ästhetik auch die im Film thematisierte enthemmte und entgrenzte Gewalt zeigt. Die Ausstellung würdigt so auch Kubricks Werk als raumvisionärer Filmemacher.

Am Ende der rund 1000 Quadratmeter ist einem sehr, sehr mulmig - vor so viel bildlicher Durchdringung im Design der Angst. Ein sehr bekanntes Gefühl aus Kubricks Filmen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.2.2005)

Von Ingo Petz

Die Ausstellung

"Stanley Kubrick",
Martin-Gropius-Bau Berlin
Bis 11. April 2005, jeden Mittwoch bis Montag 10 bis 20 Uhr
Tel. 0049/30-254860

Link

stanleykubrick.de

  • Stanley Kubrick während der Dreharbeiten zu "2001: A Space Odyssey",  GB/USA 1965-68
    foto: stanley kubrick estate

    Stanley Kubrick während der Dreharbeiten zu "2001: A Space Odyssey", GB/USA 1965-68

Share if you care.