Für immer jung wie Papa

3. März 2005, 21:08
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Bloc Party aus London deuten auf ihrem Debüt "Silent Alarm" Postpunk und New Wave als Sound des Hier und Heute

Das Londoner Quartett Bloc Party. um den schwarzen Sänger und Gitarristen Kele Okereke könnte ein wahr gewordener Traum der Marketingabteilung von United Colours of Benetton sein. Multi-ethnisch (Europa, Afrika, Asien) und hübsch in eine in der Dritten Welt gefertigte universelle Freizeitkleidung der Globalisierung gesteckt, bewegt man sich nicht nur optisch, sondern auch von den Inhalten her marktkompatibel Richtung große Fragen, die uns alle angehen. Sex, Langeweile, Konsum. Der Krieg, die Einsamkeit, die soziale Kälte. Depression, Paranoia, Isolation.

Bloc Party. verhandeln diese zeitgenössisch virulenten Themen, die aus dem Heute trotzdem verdächtig in die Vergangenheit hin zu den späten 70er- und frühen 80er-Jahren verweisen, so wie zahlreiche andere Musiker heute auch mit entsprechend historisch sichtender Musik.

Ähnlich wie ihre frühen Förderer, die schottischen Franz Ferdinand, die 2004 mit einem ähnlichen Retro-Konzept zumindest in Großbritannien die Hitparaden eroberten, kombiniert man hier aus Postpunk- und New Wave-Zeiten geschätzte Modelle, die vor allem eines besagen: Wenn man der Gitarre die ganze machistische Aura des Rock'n'Roll wegnimmt, inklusive der Tendenz sich auf dem Instrument selbst zu verwirklichen, dann ist es auch heute nach wie vor möglich, damit relevante Ergebnisse zu erzielen. Gerade auch in einem jetzt wieder entdecktem Segment der Gitarrenmusik können hier Bloc Party. trotz aller Überfrachtung mit ihrer eigenen Geschichte punkten. Man kann zu Gitarren tanzen! Punk trifft Funk trifft Rock. Siehe auch: Gang Of Four mit stilprägenden Arbeiten wie "Entertainment" oder "Songs Of The Free" vor einem Vierteljahrhundert.

Zu einem im Wortsinn tatsächlich stürmenden und drängenden und trotzdem auf den Punkt gedroschenen Schlagzeug inszenieren Kele Okereke und seine drei Mitstreiter wunderbar mitreißende und immer einem Grundton der nichts von sich selbst wissen wollenden Nervosität verbundene Songs zwischen geschichtlicher Sichtung und moderner Zustandsbeschreibung. Die gegeneinander oft im Krebsgang vorgehenden, schrillen Splittergitarren und der einer Grundmelodie verpflichtete Bass konterkarieren mit Keles leidender Kopfstimme im Stile Robert Smiths von The Cure. Synthesizer wabern im Verein mit dem Bass oft wie bei Joy Division selig. Ein Hauch von Pathos im Sinne von U 2 ist auch dabei. Nur, dass Bloc Party. dank ihrer Jugend noch nicht einer derart grauenhaften Menge an Selbstgefälligkeit vertrauen wie die alten Männer aus Dublin.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.2.2005)

Von
Christian Schachinger

Das Album

Bloc Party. "Silent Alarm" (Edel)

  • Bloc Party.
    foto: edel

    Bloc Party.

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