Musikrundschau: Rock'n'Roll und dessen Überwindung

1. März 2005, 13:30
posten

Neue Alben vom Memphis-Trio "Viva l'American Death Ray Music" und von "The Mars Volta"

VIVA L'AMERICAN DEATH RAY MUSIC
A New Commotion, A Different Tension
(Transsolar Records/Rave Up: (1) 596 96 50)
Das Trio aus Memphis, Tennessee, stammt aus dem Umfeld von einschlägig vorbelasteten, semilegendären Underground-Bands wie Tav Falco & Panther Burns, 68 Comeback oder den Gibson Brothers und fühlt sich schon über mehrere Alben lang wie diese einem Rock 'n' Roll verpflichtet, der immer noch Sonnenbrillen, Lederjacken und Blue Jeans trägt und sich mehr flüssig als fest er- nährt. Kurze, schlank und schlampig heruntergerissene Garagenpunk-Songs im Gitarre-Bass-Schlagzeug-Outfit, schmucklos und auf das Grundgerüst der Songs reduziert. Schnell, laut, minimalistisch - und: zeitlos! Velvet Underground lassen ebenso grüßen wie die frühe Ausgabe von The Fall. Und manchmal klingt das ganze, als ob Jarvis Cocker von den dahingegangenen Britpop-Helden Pulp im US-Bible-Belt eine Autospenglerei aufgemacht hätte, die sich auf Kühlergrille in der Form von Billy Idols altbekannter Dreckschleuder spezialisiert hat.

THE MARS VOLTA
Frances The Mute
(Universal)
Omar Rodriguez-Lopez und Cedric Bixler spielten früher bei den südkalifornischen Szeneheiligen At The Drive-In den wunderbar hysterischsten Hardcore der Welt. Mit ihrer neuen Band bewegen sie sich nach dem Debüt "De-Loused In The Comatorium" nun endgültig Richtung praktizierter Wahnsinn. Und der hat das historische Unding Progressive Rock auf seine Fahnen geschrieben. Weit ausholende, aus freier Improvisation entstandene viertelstündige Suiten, die kaum noch etwas mit geläufigen Songstrukturen zu tun haben. Mariachi-Trompeten und Streicher treffen auf Frank Zappa treffen auf Postpunk, Carlos Santana, verwaberten Spacerock und Pink Floyd. Es blubbert, kratzt und gniedelt hinein bis in die tiefsten Tiefen der hier geöffneten Echokammern. Der Gesang erinnert dabei an Robert Plant von Led Zeppelin mit Bluthochdruck und Panikattacken. Kurz, das Hören dieses maßlosen Albums bereitet neben konzentrierter Arbeit vor allem auch Kopfschmerzen. Lohnend ist es auf jeden Fall.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.2.2005)

Von
Christian Schachinger
  • Artikelbild
    foto: transsolar records
Share if you care.