Eine richtig pornografische Kolumne, ...

4. März 2005, 11:28
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Seit Längerem war in dieser Gegend nicht mehr von S. die Rede, einerseits Fastenzeit, andererseits wollte ich ja dem netten Herrn von der Diözese Linz (das ist die Diözese ohne Erz) beweisen, dass ich auch anders . . . - aber irgendwann muss einmal Schluss sein mit der Heuchelei. Jetzt setze ich mich hin und schreibe eine richtig pornografische Kolumne, nach der jeder sofort auf die Damentoilette rennt und sich dort einschließt, allein, zu zweit, zu dritt, zu Orgie . . . Ich hab ja wie immer den Valentinstag in Berlin verbracht, wegen Filmfestspielen. Außerdem hab ich in einem Club in Friedrichshain einen Vortrag gehalten mit dem Titel "Lieben in Wien".

Die Zuhörer waren unglaublich höflich, und ich hab mich gefragt, ob mir das Verkehrsbüro einmal danken wird, was ich da wieder für den Fremdenverkehr getan hab. Doch zurück zu den Filmfestspielen. Normalerweise ist das eine trockene und akademische Angelegenheit, man zeigt da Filme, in denen es um "die entfremdete Entindividualisierung des Individuums, kulminierend in anonymem Sex" geht. Normalerweise. Diesmal war zufällig zeitgleich das Jahrestreffen der Pornofilmproduzenten, inkognito natürlich, und die haben sich natürlich gefreut, dass sie nicht immer in schmuddeligen Internetseiten versteckt waren, sondern dass sie großes Kino machen konnten, zwischen entfremdeten Filmen kamen richtig pralle Oberschenkel-Streifen. Die entfremdeten Filme zeigen natürlich auch Oberschenkel, nicht zu knapp, aber immer ganz lange Einstellungen von Tiefgaragen und entfremdeten Autobesitzern oder entfremdeten Autodieben zwischen den aufeinander prallenden Oberschenkeln, und die unentfremdeten Oberschenkel-Filme zeigen immer lange Einstellungen von sehnsüchtigen Blicken zwischen den Oberschenkeln.

Jedenfalls, am Valentinstag lief eine Dokumentation über "Deep Throat". Seit Jahren leide ich darunter, dass ich "Deep Throat" nie gesehen habe, denn als der in den Kinos lief, traute ich mich nicht, und als ich mutiger wurde, gab es nur noch Videokopien. Es ist entwürdigend, so etwas im stillen Kämmerchen zu schauen. Die Dokumentation, sagte das Programmheft, setzt den Skandal um "Deep Throat" in Beziehung zu Watergate, und wenn die politische Bildung ruft, gibt es natürlich keine Ausreden mehr. Die Doku enthielt jedenfalls die Schlüsselszene mit der abhebenden Mondrakete und dem Fell plus den letzten vier Buchstaben von Ratio und außerdem eine Menge politische Bildung. Wussten Sie, dass sich die tägliche Zuschauerzahl am Times Square verdoppelte, nachdem Jackie Kennedy den Film gesehen hatte? Außerdem meinte eine 80-jährige Dame: "We wanted to see something really dirty." Ist das nicht schön gesagt?
Ihre Cosima Reif, Zufallskolumnistin
Zufall@derStandard.at

(Der Standard/rondo/25.02.2005)

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