Dämonie der Nudeln

24. Februar 2005, 01:29
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Toni Böhm, Schauspiel-Veteran des Wiener Volkstheaters, im Porträt vor der Premiere von "Change"

Volkstheater-Mime Toni Böhm, eine wahre Karyatide der Ära Emmy Werner, gibt noch einmal den manipulierenden Mephisto. Ein Porträt aus Anlass der sonntägigen Premiere von "Change".


Wien - In Wolfgang Bauers philosophischem Populärtheaterstück Change, das in Nirosta-Küchen und Halbweltlokalen spielt, obwohl es den Marihuanadampf einer nachholenden Moderne anno 1969 irgendwo in der Wiener Provinz meint, beschließt ein lebenskünstlerischer, aber geltungssüchtiger Gelegenheitsmaler namens Fery, einen unbedarften St. Pöltener Kollegen wie eine lebensgroße Leinwand aufzuspannen. Der Mensch, der den Pinsel führt, wird zum Kunstwerk erklärt.

Der naturwüchsige "Blasi" (ihn spielt im Wiener Volkstheater am kommenden Sonntag, 19.30 Uhr, Erwin Steinhauer) soll in einem hingebungsvollen Akt betrieblicher "Manipuläschn" zum konkurrenzlosen Malerfürsten hochgeschaukelt werden. Dabei malt er Birken in St. Pölten. Genauer gesagt: Sein "Image" soll für alle die Erfahrungen einstehen, die der Spießbürger mit der Erzeugung von Kunst insgeheim verbindet - Promiskuität, Partnertausch, Suchtmittelexzess, Zotenreißen, Tagesfreizeit.

Kunst, das bedeutet im ingeniösen "Slang" Wolfi Bauers: Das gewaltsame Einrennen jener Wahrnehmungspforten, die dem bürgerlichen Flaschenbiertrinker trotz rationeller Schlucktechnik für immer verschlossen bleiben.

Im Gegenzug soll besagter Blasi sein Leben sozusagen aushauchen - auf dem Gipfelpunkt seiner lebensweltlichen Ekstase. So beschließen es Fery und sein Journalistenfreund Reicher (Fritz Hammel). Kunst ist in Wolfi-Bauer-Stücken eine merkwürdige Übergangspforte: Wer durch sie in das genussgesteigerte Leben eintritt, darf alle Hoffnungen auf sein bürgerliches Fortkommen im Schmutz der Halbwelt vorerst begraben.

Naturkunstbursche

Blasi aber emanzipiert sich. Er schlingt Schupfnudeln in der Nirostaküche. Er ehelicht die Mutter jener Verlobten, die er Fery ohne besonderes Zutun abspenstig macht, und kräht ganz unverfroren-unverschämt sein Wohlgefallen am viel hofierten Leben eines Naturkunstburschen heraus.

Der bürgerliche Charakterschauspieler Toni Böhm gibt in der Regie Georg Schmiedleitners den Anstoßgeber Fery: den Manipulierer, der von der eigenen Handpuppe manipuliert und schließlich in den Tod gehetzt wird. Wohlanständiger, zerfahrener hat der Wille zur Schadenfreude, zum Exzess nie ausgesehen als in dieser Besetzung - Böhm, der Kunstbetriebsmaler, ist ein sparsamer Auskunftsgeber.

Seit 1989 spielt er im Wiener Volkstheater - was man ihm nie glauben würde, da man mit ihm immer noch den Geruch des "Off"-Schauspielers verbindet, der bei Gratzer, Schottenberg, Welunschek die unleidlichen Lebensverhältnisse verlässlich zum Tanzen brachte. Mittlerweile hat Böhm am Weghuberpark Thomas-Bernhard-Figuren gespielt, die hinter ihren kunstvoll verknoteten Halstüchern die Übel der Moderne hervorgewürgt haben - aber sozusagen als übertrieben beflissene Akteneinsichtnehmer in ihre Pfuschexistenzen.

Böhm müsste in einer gerechten Welt eigentlich ein Star sein: ein Gert Voss all jener Erniedrigten und Beleidigten, die aus ihren zurückbehaltenen Bewerbungsvideos Buchstützen für die eigene Einbaukastenwand machen.

Böhm rührt, ehe er zur Probenarbeit Stellung nimmt, ausgiebig in der Kaffeeschale. Er müsste eigentlich schon in die Maske. Zu Change, diesem erheiternden Vergeblichkeits-Blues aus der Zeit der Nutzanwendung von Kolle und Kinsey, dieser Scharteke aus der Bierfaust der Ruhmsüchtigen hinter Gleisdorf, fällt ihm vor allem Stirnrunzeln ein: "Vielleicht wird", so Böhm, "das Thema der Manipulation im Alter brisanter. Es erscheint zielgerichteter - mit Blick auf die Konfrontation der beiden Kontrahenten." Böhm steht nicht an, allgemeiner zu werden: "Im Alter werden Konflikte einfach deutlicher. Es verdichtet und verschärft sich die Konfrontation."

Im Volkstheater spielen nämlich reife Semester den Traum von der ganz großen Karriere. Etwas, was Stefan Bachmann schon vor Jahren in Basel mit Magic Afternoon erfolgreich vorgeführt hat.

Aber die heutige Unterhaltungsindustrie würde über jemanden wie den "Blasi" doch nur noch schmunzeln? "Es geht darum", Böhm hält schon wieder inne: "Der Grund, derlei Anstalten überhaupt zu treffen, liegt doch in der eigenen Unfähigkeit, selbst etwas wirklich Lebensgroßes zu schaffen." Auch Böhm versteckt sich am liebsten hinter seinen Figuren. Er spielt die wahnsinnigen Buchhalter - die bei jedem Verrücken ihrer Kaffeeschalen schier überschnappen. Die dann - wie Böhm als Biedermann von Max Frisch - den Sermon ihrer gutmenschlichen Empörung absondern, die umkippende Milch ihrer Denkungsart zu goldenen Butterblöcken schlagen.

Daher wird Böhm auch an der Ära Schottenberg ab 2005/ 06 mitwirken - als "Freier". Vorerst als Duettspieler in einer angelsächsischen Komödie mit Erni Mangold.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24.2.2005)

Von Ronald Pohl
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    Toni Boehm als Fery in 'Change' von Wolfgang Bauer

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