Magie und Preissteigerung

28. Februar 2005, 18:00
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Christie's Amsterdam versteigerte in großem Stil Kostbarkeiten und Kuriosa aus Europäischem Adelsbesitz

Bei Christie's Amsterdam gelangten in einer zweitägigen Auktionsstaffel Kostbarkeiten und Kuriosa aus Europäischem Adelsbesitz unter den Hammer. 87 Prozent der 700 Objekte wechselten - teils zu Rekordpreisen - den Besitzer.


Amsterdam - Rein wissenschaftlich gesehen ist ein Bezoar ein Ball aus verschluckten unverdaulichen Materialien (Haare, Pflanzenfasern), der sich im Verdauungstrakt von Raubvögeln, Katzen, Rindern, Ziegen bildet. Im Altertum schrieb man dem Fremdkörper magische Kräfte zu: Er schütze vor Erkrankungen.

Dem Glauben der Volksmedizin frönten sogar Herrscher, die den "Stein wider alles Gift" in gefasster Form bei sich trugen: Elisabeth I, Königin von England, oder Eric XIV von Schweden schützten sich mit Bezoar-Ringen gegen Vergiftungen, Napoleon Bonaparte machte den Fehler, seine Steine wegzuwerfen (und wurde prompt vergiftet), während Rudolf II einen entsprechenden Talisman gegen Melancholie schätzte. Da die Nachfrage das Angebot bei Weitem überstieg, versuchte man solche "Steine zur Erhaltung des Lebens" u. a. aus zerriebenem Bernstein herzustellen (Goa-Stein). Die Originale hütete man in den europäischen Kunst- und Wunderkammern.

In Amsterdam gelangte vergangene Woche (15./16. Februar) im Rahmen der Noble-House-Auktionen bei Christie's eine um 1600 datierte goldgefasste Bezoar-Rarität zur Versteigerung, für die eine portugiesische Institution stolze 50.400 Euro statt der erwarteten 800 bis 1200 Euro hinblättern musste.

Eine historische Schallmauer durchbrach Chairman Jop Ubbens in der nördlichsten der europäischen Christie's-Niederlassungen sowohl hinsichtlich des Umsatzes - mit einem Ergebnis von mehr als 2,42 Millionen Euro die lukrativste der bisherigen Amsterdamer Noble-Sales (2003: EUR 2,28 Mio.) - als auch in der Sparte Möbel. Ein ehemals im Auftrag des Herzogs von Orleans gefertigtes Buchpult etwa, zwischen 1835 und 1840 von Jacob Desmalter aus Ebenholz, Elfenbein und Perlmutt gearbeitet und von Experten auf 10.000 bis 20.000 Euro taxiert, erzielte 280.800 Euro und damit den höchsten Möbel-Zuschlag in der Geschichte der seit 1997 veranstalteten Spezialauktionen.

Am Beginn des diesmal mehr als 700 Lose von Einlieferern aus Deutschland, Österreich, Belgien und den Niederlanden umfassenden Angebots stand die rund 130 Positionen umfassende Sammlung der deutsch-österreichischen Aristokratin Charlotte von Prybram-Gladona. Zu den von ihr in 40 Jahren zusammengetragenen Kunstschätzen gehörte ein um 1500 im flämischen Bruges ausgeführter Refektorium-Schrank. Dieses einzigartige Beispiel spätgotischer Handwerkskunst wechselte für 66.000 Euro und damit zum zweithöchsten Zuschlag der Auktion in deutschen Privatbesitz.

Der englische Handel sicherte sich für 30.000 Euro ein Erinnerungsstück an Italienreisen, die Charlotte gemeinsam mit ihrem Ehemann Albin unternahm, die Ansicht der San Marco Kirche in Venedig. Ebenfalls aus der Sammlung Prybram-Gladona stammte ein mit Leder eingefasster Reise-Sekretär aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, für den Christie's 14.400 Euro erzielte. Als handliche Kiste mit Eisenbeschlägen zu beiden Seiten benötigt dieser mit rotem Damast ausgeschlagene Escritoire nur ein paar einfache Handgriffe und fertig ist das Studiermöbel.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24.2.2005)

Von
Olga Kronsteiner
  • Nach Portugal wechselte für stolze 50.400 Euro der in der mittel-alterlichen Volksmedizin geschätzte Beozar.
    foto: christie's

    Nach Portugal wechselte für stolze 50.400 Euro der in der mittel-alterlichen Volksmedizin geschätzte Beozar.

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