Die ultimative Ausstellungsausstellung

1. März 2005, 12:09
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"Die Regierung - Paradiesische Handlungsräume" von Roger Buergel und Ruth Noack in der Secession

Bevor der in Wien ansässige deutsche Kunstkurator Roger M. Buergel 2007 die Documenta ausrichtet, spitzt er gemeinsam mit Ruth Noack jetzt auch in der Secession Theorie und Praxis des Ausstellungsmachens zu: "Die Regierung" - eine (unfreiwillige) Komödie?


Wien - "Roger, möchtest du vielleicht noch ein wenig über Michel Foucault sprechen?" - Schon die Pressekonferenz vor der ersten Besichtigung von 'Die Regierung' stellt klar: Hier geht es um manches, um nicht zu sagen - vieles!

Kurz vorher war schon einmal die Rede von einer Ausstellung als "dreidimensionalem Film" gewesen, in der Woche für Woche andere Kunstwerke präsentiert oder - quasi: neue "Filmeinstellungen" - in anderen Kontexten neu montiert werden. Dann setzten das Kuratorenduo Ruth Noack und Roger M. Buergel noch eins drauf, indem sie sich in der Tradition des "Early Cinema" verorteten, was wiederum manche anwesende Kunstkritiker verwirrte. Aber alles klar: Das Publikum könne auch hier kommen und gehen, wie es ihm beliebe; der Filmvorführer (hier: Kurator) stelle sein Material immer neu zusammen und so weiter!

Versteht hier jemand nur Bahnhof? Na gut, bevor uns also Roger M. Buergel, dem man als kommendem Documenta-Leiter ja doch ganz besondere Aufmerksamkeit zukommen lässt, Foucault erklärt, hier einmal die trockenen Fakten:

'Die Regierung' - Untertitel: 'Paradiesische Handlungsräume' - hat in der Wiener Secession ihre mittlerweile vierte Station bezogen, nachdem die von Noack und Buergel quasi "in progress" entwickelte Reihe zuerst in Lüneburg, dann in Barcelona und schließlich in Miami die Fragen stellte: Wie stellt man die Wirkung von Regierung dar? Welche Verdichtungen ergeben sich dabei in der Kunst? Und, durchaus selbstreflexiv: Was bewirken hier die moderierenden, kommentierenden Eingriffe von Kuratoren in Ausstellungsräumen? Wie beeinflussen die jeweiligen Orte und Institutionen die Präsentation?

Das heißt, einfach und kompliziert zugleich, 'Die Regierung' ist nicht zuletzt eine Ausstellung über Theorie und Praxis von Ausstellungen, auch über Ausstellungspolitik.

Wenn Noack und Buergel zum Beispiel die Führungen durch die Secession jetzt an Schülerinnen und Schüler delegieren und diese dafür ausbilden lassen, dann thematisieren sie gewissermaßen aktiv ein Defizit in Sachen Bildnerischer Erziehung. Sie machen deutlich, dass sie es mit ihrer hochtheoretischen, komplexen Argumentation zunehmend schwer haben, ein entsprechend firmes Publikum anzusprechen. Aber: Drei wirklich informierte Besucher sind ihnen lieber als eine Million durch die Albertina getriebene Desinformierte!

Für Noack und Buergel lebt der Kunstbetrieb ähnlich an den sozialen und politischen Realitäten vorbei wie das Theater für Christoph Schlingensief. Letzterer hat deshalb zuletzt seine Inszenierungen im Rahmen der "Church of Fear" ebenfalls eher als Dreharbeiten begriffen, in denen er auch ein Versagen des Systems mitdokumentiert. In eine ähnliche Kerbe schlagen (mit bedeutend höherem Theorieaufwand und weniger Mut zur freiwilligen Peinlichkeit) die Macher von Die Regierung:

Jede ihrer Ausstellungen ist somit als Versuchsanordnung lesbar, als Set, an dem Bilder, Einstellungen, auch Haltungen produziert werden. Jeder Drehort, jeder neue "Film" verändert gleichzeitig den "Schnitt" der vorher "gedrehten" Szenen, definiert die Handlung und den Handlungsspielraum neu.

Endlich Foucault!

Womit wir wieder bei Foucault wären (und nachher, endlich, den Ausstellungsraum betreten können): Foucault nämlich definierte "Regierung" im Sinne von "Handlungen, die auf andere Handlungen einwirken" - und gewissermaßen die Räume dieser Handlungen und Handlungsmöglichkeiten definieren. In diesem Sinne wird denn auch das Ausstellungspublikum "regiert", denn, so Buergel: "Der Raum einer Ausstellung ist ja selbst ein Handlungsraum, der durch Eingriffe reguliert wird."

Im Hauptraum der Secession scheint diese Erkenntnis bewirkt zu haben, dass man dem Publikum vor einem Minimum an Kunstwerken und mittels minimalster Eingriffe zuerst einmal ein maximales Gefühl für den Raum vermitteln will.

Da arbeitet zum einen der deutsche Maler Jürgen Stollhans immer noch an einem gewaltigen Fries zum Thema Autoindustrie und Marketing; mittendrin zitiert er etwa ein Godard'sches Autokatastrophenszenario aus dem Film Week-End. Und irgendwo ganz hinten, ganz klein, erinnert ein Foto an Ambrogio Lorenzettis Mitte des 14. Jahrhunderts entstandene Allegorie der guten und schlechten Regierung. Gestern Abend präsentierte dann noch die kroatische Künstlerin Danica Dakic eine Performance: MS Berlin.

Weitere Werke von Lisl Ponger, Allan Sekula, James Coleman, oder Hito Steyerl werden folgen, andere wieder verschwinden. Bis zum 24. April wird in der Secession unüblich viel umgehängt. Um beim "Film" zu bleiben: Was wird hier gespielt?

Es wäre zu billig, den von Noack und Buergel proklamierten Formalradikalismus ausschließlich dem Genre "Des Kaisers neue Kleider" zuzuordnen. Dafür werfen ihre Minimalmontagen - bis hinein in einen Katalog mit vorläufigen Textlücken - zu viele (und durchaus produktive) Fragen auf. Andererseits: Es grenzt schon immer wieder ans unfreiwillig Komische, wenn hier überbordendes Wissen quasi in elegantes Verstummen kippt.

Oder eben in ein bisschen Betulichkeit: "Roger, möchtest du vielleicht noch ein wenig über Michel Foucault erzählen?" Erinnert sich noch jemand an die lustigen Kunstkritik- und -Theorie-Sketches bei Monty Python's Flying Circus? Dieser Regierung und ihren Machern wünschen wir in aller Sympathie jetzt noch ein "Ministry of Silly Walks".
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24.2.2005)

Von Claus Philipp
  • Autoindustrie, Marketing, und dazwischen ein Bildzitat nach Godard (rechts oben): ein bezeichnend karger Ausschnitt aus Jürgen Stollhans' Secessions-Fries für "Die Regierung".
    foto: matthias herrmann/secession

    Autoindustrie, Marketing, und dazwischen ein Bildzitat nach Godard (rechts oben): ein bezeichnend karger Ausschnitt aus Jürgen Stollhans' Secessions-Fries für "Die Regierung".

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