Stellungnahme von Professor Michael Gehler

19. Dezember 2005, 15:02
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Zum Bericht und zu den Usermeinungen im STANDARD in punkto Wallnöfer-NSDAP: 1987 hatte ich aufgrund eines Ansuchens im Berlin Document Center (heute Bundesarchiv) für meine Dissertation Einblick bekommen. Das war nicht einfach, weil das BDC kein normales Archiv war – damals hatten bundesdeutsche Historiker keinen Zugang.

Das war nur unter der Bedingung möglich, dass die Daten rein quantitativ auszuwerten (was meine Absicht war) und keine persönlichen Namensnennungen vorzunehmen seien. Das war Teil der Spielregeln. Somit war weder Legitimation noch Veranlassung gegeben, das bekannt zu machen. Es handelte sich um eine Karteikarte, keine Akte, wie mehrfach berichtet wurde. Ich habe diese damals so bewertet, wie ich es jetzt auf journalistische Anfrage getan habe: es war und ist keine Sensation.

Ich habe das Beitrittsgesuch nicht als „irrelevant“ bewertet, aber Wallnöfer war sicher kein „Nazi“-Schwergewicht. Wer sich mit der österr. NSDAP-Geschichte auskennt, weiss wie eine 9 Millionennummer zustande gekommen und zu bewerten ist. Es stellt sich für Tirol auch weniger die Frage, wer bei der NSDAP, sondern wer nicht dabei war. Die Bewertung des Einzelfunds bleibt problematisch. Aber Rückschlüsse auf ideologische Affinität zum Nationalsozialismus sind ausgehend von dieser einzelnen Karteikarte m.E. nicht zu ziehen.

Meine Interpretation lautete: Wallnöfer suchte wahrscheinlich aus pragmatischen Gründen um Mitgliedschaft an. Feststeht, dass die Parteiorganisation ihn über Jahre als Art „Parteianwärter“ behandelte, weil er offenbar nicht als verlässlicher und überzeugter Nationalsozialist beurteilt wurde. Das waren Personen mit 6 Millionen-Nummern. Was dann zur formellen Mitgliedschaft 1941 führte, ist zu klären. Wallnöfer ist nach Lage der Dinge m. E. „einfaches“ Parteimitglied gewesen.

Ich würde daher für weniger Aufgeregtheit plädieren. Die Reaktionen mancher „user“ disqualifizieren sich z.T. selbst und zeigen, wie rasch geurteilt („verlogener Roter“, „schwer rechtslastiger CVer“) wird. Ich gehöre weder dem CV noch einer Partei an, meine Publikationen sind wohl anders zu beurteilen.

Desto mehr die Debatte von außen verfolgbar ist, umso mehr fällt auf, dass der spätere Umgang mit dem Thema weit interessanter und wichtiger erscheint, als eine faire und ausgewogene Beurteilung der historischen Vorgänge, so weit sie rekonstruierbar sind: Skandalös mag heute Wallnöfers Rolle erscheinen, dessen Verhalten fügt sich jedoch in eine Alltäglichkeit und Normalität ein, wie sie 1938 vielfach anzutreffen war: Anpassungsverhalten und Opportunismus, ein Muster, das bei Regimewechseln weder als neu noch sensationell zu bewerten ist und auch nicht unbedingt mit Engagement für den Nationalsozialismus gleichgesetzt werden kann.

Den wenigsten anonym agierenden usern, die alle möglichen Kommentare abgeben sowie Gesinnungsschnüffeleien betreiben (und sich damit gut für eine Alpenstasi eignen würden), dürfte der Begriff der „Märzveilchen“ bekannt sein. Dass das NS-System von diesen Mitläufern profitierte, dürfte klar sein.

Wenn etwas skandalös ist, dann folgendes: Einmal wie versucht wird, aus dieser Marginalie politisches Kleingeld zu machen, sich ausgehend von dieser Provinzposse Vorteile im heutigen Diskurs zu verschaffen oder bemühten Forschern einen Strick aus dieser „Affäre“ zu drehen und sie politisch unter Druck zu setzen. Zweitens gehört auch dazu, wie sehr zeitgeschichtliche Forschungen in diesem Themenbereich über Jahrzehnte auf Bundes- wie Landesebene weit mehr behindert als gefördert wurden.

Die Auflagen und Schwierigkeiten (Archivsperren, Anträge mit langer Bearbeitungszeit, Anonymisierung von Personalien, Datenschutzregelungen etc.), die dabei gemacht wurden, sind weder bekannt noch medial zu vermitteln. Insofern sind die gemachten Vorwürfe bspw. in Richtung DÖW oder Zeitgeschichtsforschung deplaziert, ungerecht und unfair.

Prof. M. Gehler, derzeit KU Leuven

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