Von der Westbindung zum deutschen Weg

24. Februar 2005, 17:55
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Bis zu Schröder war die Freundschaft zur USA Kernstück der deutschen Außenpolitik

Am Anfang stand der Marshallplan: Die Entscheidung der USA, den Wiederaufbau des einstigen Todfeindes Deutschland großzügig zu unterstützen, war das Fundament, auf den die deutsch- amerikanische Freundschaft jahrzehntelang stand. Ende der vierziger Jahre entschied der erste Kanzler Konrad Adenauer, auf eine mögliche Vereinigung mit der "Ostzone" zu verzichten und die Außenpolitik seiner Bundesrepublik auf die Westbindung und das Bündnis mit den USA auszurichten.

Eine amerikanische Sicherheitsgarantie gegen allerhöchste Bündnistreue – das war das Tauschgeschäft, auf dem die deutsch-amerikanische Allianz jahrzehntelang beruhte. Der Koreakrieg, die vielen Krisen rund um Westberlin und schließlich der Bau der Berliner Mauer im Sommer 1961 bestätigte Deutschlands Politiker in diesem Kurs. Als John F. Kennedy 1963 neben dem Berliner Oberbürgermeister Willy Brandt "Ich bin ein Berliner" rief, schien die Freundschaft der Gegner zweier Weltkriege perfekt.

Es war Brandt, der ab 1969 mit seiner Ostpolitik gegenüber der Sowjetunion, Polen und der DDR erstmals einen etwas eigenständigen außenpolitischen Kurs einschlug. Die Entspannungspolitik wurde zwar von den USA zunächst mitgetragen, doch sie schuf auch erste Interessenkonflikte wischen Bonn und Washington. Der Zusammenbruch des Systems fester Wechselkurse sorgte in den siebziger Jahren erstmals für wirtschaftspolitische Spannungen. Besonders schlecht war das Verhältnis zwischen Kanzler Helmut Schmidt und US-Präsident Jimmy Carter, den Schmidt für unfähig hielt, die freie Welt zu führen.

Als die Mauer fiel

Helmut Kohl und Ronald Reagan fanden nach anfänglichen Meinungsdifferenzen zueinander – vor allem in ihrer Entschlossenheit, den Nato-Doppelbeschluss über die Stationierung von Mittelstreckenraketen durchzuziehen und ab 1985 dann in ihrer positiven Einschätzung von Michail Gorbatschow. Als Reagan 1987 in Berlin den Kremlchef aufforderte, die Mauer niederzureißen, glaubte Kohl wohl an eine rhetorische Floskel. Umso dankbarer zeigte er sich zwei Jahre später, als Reagans Nachfolger George Bush Sr. – im Gegensatz zu Margret Thatcher und Francois Mitterrand – die deutsche Wiedervereinigung bedingungslos unterstützte.

Die Abkehr von Adenauer leitete erst Gerhard Schröder ein, der 1998 Deutschland zu einer "erwachsenen Nation, die niemandem überlegen, aber auch niemandem unterlegen fühlen muss" erklärte. Die rot-grüne Regierung beteiligte sich in Folge am US-geführten Kosovokrieg und engagierte sich in Afghanistan. Das stieß in Washington auf Zustimmung. Doch als Schröder im Wahlkampf 2002 die US-Irakpolitik attackierte, den "deutschen Weg" verkündete und eine Ministerin George W. Bush mit Hitler verglich, rief dieser eine Eiszeit aus. (Eric Frey/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24.2.2005)

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