Ein oft vernachlässigter Faktor: Das subjektive Empfinden von Patienten

28. Februar 2005, 13:51
posten

Tagung des Grazer "Zentrums für Subjektivitätsforschung in der Medizin"

Graz - Große Fortschritte, aber auch massive Patientenkritik prägen das Bild der modernen Medizin: Patienten klagen, dass sie mit ihren Beschwerden nicht ernst genommen werden, dass Diskrepanzen zwischen Befund und Befinden bestehen, oder "wie am Fließband" abgefertigt werden. Wege zur Verbesserung der Arzt-Patienten-Beziehung, die der Einmaligkeit jedes Kranken und dessen subjektivem Empfinden gerecht wird, sucht das Grazer "Zentrum für Subjektivitätsforschung in der Medizin" am Institut für Philosophie mit einer Tagung.

Der Schulmedizin wird oft vorgeworfen, dass sie Krankheiten vor allem als zu reparierende "Störung" definiert und den Menschen als Subjekt außer Acht lässt. "Die moderne Medizin kann den Menschen entweder als Objekt - wenn sie naturwissenschaftlich fundiert ist - oder als Subjekt seiner Krankheit betrachten - wenn sie die humanwissenschaftliche Betrachtungsweise vertritt. Die einseitige Sicht wirke sich oft tragisch aus, so Walter Pieringer, Vorstand der Grazer Uni-Klinik für Medizinische Psychologie.

Die Rolle der Subjektivitätsforschung

Eine Integration dieser konträren Ansätze versuche man gemeinsam mit Philosophen auf der Tagung "Der Mensch als Subjekt in Forschung und Praxis der Medizin" ab kommendem Freitag in Graz. Die Tagung wurde von dem an der Uni Graz im Entstehen begriffenen "Zentrum für Subjektivitätsforschung" mit der Meduni und weiteren Gesellschaften organisiert.

Gründe für die Forcierung der Subjektivitätsforschung in der Medizin seien vielfältig, so Sonja Rinhofer-Kreidl vom Institut für Philosophie der Uni Graz. Der Schwerpunkt liege in der Verbesserung einer Arzt-Patient-Beziehung durch Hereinnahme der subjektiven Wirklichkeit des Patienten. "Dies dient einer umfassenderen Diagnosestellung, einer breiteren Erklärung der Symptome und der Erweiterung der Interventionsmöglichkeiten. Letztere beschränken sich nicht mehr auf technisch-chirurgische oder pharmazeutische Dimensionen, sondern schließen auch die Einflussnahme auf Denken, Fühlen und Handeln ein", erklärte Rinofner-Kreidl. Innerhalb der Philosophie werde dieses Anliegen schon länger diskutiert: In Kopenhagen wurde bereits ein "Zentrum für Subjektivitätsforschung" eingerichtet, neben Graz sei ein weiteres an der Uni Heidelberg im Entstehen.

Die "objektive Wahrheitssuche" gehe oft mit einer Generalisierung der Ergebnisse einher, so Pieringer. Auf der Tagung sollen Mediziner und Philosophen wissenschaftliche Methoden diskutieren, die auf der Basis der Evidence Based Medicine Kriterien für eine kritische Betrachtung des Patienten als Einzelperson und soziales Wesen liefern. Erwartet werden rund 100 Teilnehmer.(APA)

Tagung "Der Mensch als Subjekt in Forschung und Praxis der Medizin", 25. und 26. Februar, LKH-Universitätsklinikum Graz, Auenbruggerplatz, 8010 Graz.

Programm online abrufbar
Share if you care.