Eine schulische Alternative zur Alltagsroutine

4. Juli 2005, 11:26
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Lehrer, die eigentlich keine sind, Projekte, Reisen und jede Menge Praktika: Das ist die W@lz, eine private Alternativschule in Wien

Wir betreten ein grindiges Stiegenhaus im 12. Bezirk. Hier versuchen gerade einige junge Fotografen die besten Motive und Lichtverhältnisse für den laufenden Fotoworkshop auszumachen. Nachdem wir die Leiterin dieser Alternativschule, Renate Chorherr, ausfindig gemacht haben, weist diese gleich lächelnd auf den Zustand des Gebäudes hin und berichtet vom bald bezugsfertigen, neuen Standort in Hütteldorf.

Und was ist das Besondere an der W@lz? Der Schwerpunkt dieser Privatschule - in die man erst nach der achten Schulstufe eintreten kann - liegt in Reisen und Auslandsprojekten sowie im künstlerischen und kreativen Gestalten. Dafür zahlen Eltern pro Schuljahr rund 8000 Euro. Permanente Stundenpläne gibt es nicht, sondern sich an den Prüfungen orientierende Monatspläne. "Das kann", was Jan (18) zu den Nachteilen dieses Systems zählt, "auch dazu führen, dass man hie und da in bestimmten Fächern ein paar Monate gar keinen Unterricht hat." Dazu kommen die unterrichtsfreien Projektwochen. Prüfungen werden außerschulisch - je nach Fach in Zweijahresabständen - abgehalten. Die Lehrer haben mit der Notengebung kaum etwas zu tun und schlüpfen in die Rolle von Mentoren und Coaches.

Der Unterricht geht von 8.30 bis 16.30, samstags ist frei. Die Anwesenheit der Schüler wird "locker gehandhabt". Dass man nur alle zwei Jahre für Prüfungen lernen muss, ermöglicht, "sich in etwas zu vertiefen und das Gelernte auch nicht so bald wieder zu vergessen", schildert Jan.

Alles viel individueller

Warum Jakob von einer "normalen Schule" an die W@lz gewechselt ist? "In der Regelschule war ich permanent unterfordert", was einen Krach mit den Lehrern zur Folge hatte. Gelockt habe ihn auch "das Individuelle hier". "Man fürchtet sich hier nicht", erzählt Kathi (18). Viktoria (15) hebt hervor, dass es "einfach familiärer" zugeht, alle per "Du" sind und jeder jeden kennt. Trotzdem: "Ich glaube, viele Außenstehende fürchten sich vor uns", meint Jakob.

Ein Forstprojekt in der Schweiz steht dieses Schuljahr an, handwerkspraktische Projekte bei einem Goldschmied oder in einer Schneiderei sind selbstverständlich. Nebenbei werden auch entlohnte Aufträge von Firmen angenommen. Aktuell drehen die Schüler einen Werbefilm für den City Airport Train - auch Interessensbefragungen für Jugendzeitschriften waren schon Teil des Unterrichts. "Das ist einfach ein professionelles Schnuppern in die Arbeitswelt", beschreibt Jan.

"Die Berufsskala unserer Absolventen geht vom Straßenbahnfahrer bis zum Spitzenrechtsanwalt", hebt Chorherr stolz hervor. Was ihre persönliche Motivation als W@lz-Leiterin ist? "Unser Ziel ist es, Jugendlichen zu helfen, Menschen zu werden, die die Welt gestalten". (DER STANDARD-Printausgabe, 22.02.2005)

Von Hannah Berger und Philip Jeschek
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    foto: standard/newald
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