"Statt in Jubiläen in Bildung investieren"

4. Juli 2005, 11:26
posten

Keinen Pflichtunterricht für Migrantenkinder, Schulgeldfreiheit und die Einführung der Gesamtschule fordert Kim Kadlec, Bundesvorsitzende der SP-nahen Aktion kritischer Schüler (AKS), im Gespräch mit Kathi Fleissner

Standard: War der Reformdialog für euch erfolgreich?

Kim Kadlec: Es war nur eine einzige Schülerin anwesend. Das ist schade, denn es gibt viele Schüler, die gute Ideen haben und wissen, wo der Schuh drückt, aber nicht gefragt werden. Das ist ein großer Fehler, den Gehrer macht.

STANDARD: Wie stehst du zum Vorschlag verpflichtenden Deutschunterrichts für Migrantenkinder einzuführen?

Kadlec: So können Integrationsmaßnahmen nicht funktionieren. Es werden Sündenböcke gesucht. Pisa hat gezeigt, dass nicht nur Migrantenkinder zu wenig Deutschkenntnisse haben.

STANDARD: Deine Position zur Abschaffung der Zweidrittelmehrheit?

Kadlec: Wir sehen das kritisch. Einige Vorschläge finde ich sehr gut, es muss aber verfassungsrechtlich festgelegt werden, was alles nicht passieren darf. Wenn Schulgeldfreiheit nicht verankert ist, habe ich Angst, dass man das in weiterer Folge einführt, so wie bei den Studiengebühren.

STANDARD: Kannst du uns das Konzept einer Ganztagsschule in Österreich erläutern?

Kadlec: Nach unserer Vorstellung wäre das System so aufgebaut, dass der Unterricht mit Pausen über den Tag verteilt ist und durchschnittlich bis 16 Uhr dauert.

STANDARD: Ermöglicht die Ganztagschule individuelle Förderung einzelner Schüler?

Kadlec: Ja, der Lehrer rattert den Stoff nicht einfach herunter, sondern hat auch Zeit, auf die Schüler einzugehen.

STANDARD: Wer sollte deiner Meinung nach die Nachmittagsbetreuung finanzieren?

Kadlec: Man muss sich fragen, welchen Stellenwert Bildung in Österreich hat. Wenn man das Geld, das für die Jubiläumsfeierlichkeiten ausgegeben wird, in Bildung investieren würde, wären einige Schulen gesichert.

STANDARD: Was wären die Chancen einer Gesamtschule, wie sieht sie aus?

Kadlec: Hauptschule und gymnasiale Unterstufe wären nicht getrennt. Da gibt es die Möglichkeit, dass die Schwächeren von den Stärkeren lernen können und umgekehrt. Der Übergang in höhere Schulen würde erleichtert werden.

STANDARD: Wie wichtig ist dir Schüler-Feedback?

Kadlec: Feedback ist wichtig. Aber bei dieser gravierenden Situation, dass sich Schüler beim Lesen schwer tun und tausende Schüler ausselektiert werden und keine Chance auf höhere Bildung haben, hilft Feedback nicht viel.
(DER STANDARD-Printausgabe, 22.2.2005)

ZUR PERSON:

Kim Kadlec (19) studiert Soziologie an der Uni Wien und ist seit 12. Juni 2004 Bundesvor- sitzende der AKS
Share if you care.