Für Schüssel ist Versöhnung keine Show

24. Februar 2005, 16:45
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Auch Frankreichs Präsident Jacques Chirac erklärte die Differenzen für beendet

Brüssel - Österreichs Kanzler Wolfgang Schüssel hatte beim EU-USA-Gipfel einen Ehrenplatz: Er saß nur durch den britischen Premier Tony Blair von George W. Bush getrennt. Der Grund dafür ist simpel: Großbritannien übernimmt in der zweiten Jahreshälfte 2005 den EU-Vorsitz - und ab Anfang 2006 sitzt dann Österreich im Chefsessel Europas.

So kurz das Treffen mit Bush auch war - so überzeugt gab sich Schüssel danach, dass sich die USA ernsthaft um eine Zusammenarbeit mit der EU bemühen. Daher wies Schüssel energisch zurück, dass es sich beim Treffen nur um eine inszenierte Show gehandelt habe: "Wenn ein Dialog gut läuft, dann ist es leicht, diesen Dialog als Show abzuqualifizieren. Aber ohne Substanz wäre das in drei bis sechs Monaten enttarnt."

Allein der enorme Aufwand, den Bush in Europa betreibt, beweist für Schüssel schon, dass der US-Präsident ernsthaft an der Sache interessiert sei: "Bush hat auf seiner Europareise binnen vier Tagen 60 Wortmeldungen abzugeben. Das ist eine ungeheure Strapaze. Die Reise bedeutet ihm sichtbar etwas, sonst würde er das nicht machen."

Vielleicht, so Schüssel, sei Bush mittlerweile bewusst, dass die USA "Europa stärker brauchen als angenommen. Wobei auch Europa die USA bitter notwendig hat." Lobende Worte fand Schüssel für den russischen Präsidenten Wladimir Putin: Dieser sei "mit Sicherheit das Beste, was seit sehr sehr langer Zeit in Russland an Persönlichkeiten gearbeitet hat". Noch dazu habe er in einer schwierigen Phase sehr gute Resultate erzielt, Russland zu einem gesuchten Schuldner gemacht. Unter einem beliebigen anderen Präsidenten stünde es um Russland wahrscheinlich schlechter.

Bush hatte davor den Stand der Demokratie und Pressefreiheit in Russland kritisiert. Das wird aber erst am Donnerstag Thema, da trifft Bush den russischen Präsidenten Putin. Am Dienstag war Bush auf Brüssel konzentriert.

Diese freundlichen Worte Schüssels lagen im Tenor der anderen Staats- und Regierungschefs. "Die USA haben die europäischen Realitäten besser verstanden als zuvor", lobte etwa der französische Präsident Jacques Chirac das Treffen. Chirac hatte in den Zeiten des Irak-Kriegs zu den schärfsten Kritikern der USA gehört - auch deshalb hatte ihm Bush eine Sonderbehandlung angedeihen lassen und war am Montagabend gemeinsam mit ihm essen gegangen. Danach war beiden sogar zu Scherzen zumute: "Ich suche noch einen guten Cowboy auf meiner Ranch", blödelte Bush etwa auf die Frage, ob er Chirac denn nun zu sich nach Texas einlade.

Wobei Chirac abseits der Scherzchen eine ernsthafte Verbesserung der Beziehungen konstatierte: "Bush hat Interesse an einer echten Partnerschaft gezeigt", bilanzierte er zufrieden. Und betonte, dass beide Seiten versöhnlich eingestellt seien: "Wir brauchen den Dialog und müssen einander mehr zuhören."

Wobei Bush das Treffen mit den europäischen Staatschefs auch gekonnt inszeniert hatte: Am Montagabend räumte er die Differenzen mit Chirac aus dem Weg. Am Dienstagvormittag dann suchte er zuerst die Nähe derjenigen Europäer, die auch während des Irakkriegs zu seinen Buddies zählten: Zuerst frühstückte er mit seinem engsten Alliierten, dem britischen Premier Tony Blair. Und danach suchte er das Vieraugengespräch mit seinem italienischen Verbündeten, Ministerpräsident Silvio Berlusconi, der ihm erneut Unterstützung versicherte. Erst danach begab er sich in die Nato und dann in den großen Kreis der Staats- und Regierungschefs.

Dort endete Bushs langer Tag in Wohlgefallen: Alle Staatschef streuten der neuen Allianz Blumen. (eli/DER STANDARD, Printausgabe, 23.2.2005)

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    Kanzler Schüssel und der britische Premier Blair, die beiden nächsten EU-Vorsitzenden, im Gespräch mit Präsident Bush.

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