Kopf des Tages: Ibrahim al-Jafari soll den Irak regieren

26. Februar 2005, 10:21
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Pragmatischer Schiite ist Chef der Dawa-Partei

Ganz kann man ja von außen die im Irak oft geäußerte Begeisterung über das Charisma und die rhetorischen Fähigkeiten des Ibrahim al-Jafari, bislang Vizepräsident des Irak, nicht nachvollziehen: Als er in einem Interview vorige Woche in CNN sein Interesse am Posten des Interimspremiers bestätigte, fielen zuerst einmal sein unruhiger Blick und sein Nuscheln auf. Wahrscheinlich ist das ja auf Arabisch anders.

Was er aber sagte, als er gefragt wurde, ob er - immerhin der Chef der schiitisch-religiösen Dawa-Partei (Der islamische Ruf) - sich für den Irak einen Gottesstaat à la Iran wünsche, ließ aufhorchen: Der Irak brauche ein System, das "dem Charakter und der Natur unserer Gesellschaft entspricht". Nicht jeder Iraker sei Muslim, sagte Jafari, nicht jeder Muslim sei Schiite, und nicht jeder Schiite sei islamisch.

Bei der Vorbereitung der Interimsverfassung im März 2004 war der 58-jährige Arzt noch unter jenen gewesen, die sich für den Islam als die Rechtsquelle - nicht nur als eine Rechtsquelle - im Irak ausgesprochen hatten. Seitdem hat Jafari, der von allen irakischen Politikern stets die besten Umfragewerte hat, eine pragmatische Wende vollzogen. Ihn als säkular zu bezeichnen, wie es Amerikaner gern tun - um herunterzuspielen, dass sie sich heute mit einer religiösen schiitischen Führung im Irak abfinden müssen -, ist dennoch kühn.

Jafari wurde 1947 in Kerbala geboren, in eine Familie von Textilhändlern und Hotelbesitzern (Kerbala ist ja ein wichtiger Wallfahrtsort), die vom Propheten Muhammad abzustammen beansprucht. Nach seinem Studium in Mossul wurde er in den 70er-Jahren, gleichzeitig mit dem Aufstieg Saddam Husseins, in der Dawa-Partei aktiv. 1980, als mit dem Kriegsbeginn gegen den Iran die Verfolgung der religiösen Schiiten mit großer Brutalität losbrach, floh er zuerst nach Teheran. Später ging Abu Ahmed - wie er nach seinem ersten Sohn genannt wird - nach Großbritannien, wo seine Frau und seine Kinder jetzt noch leben.

Zum Iran hat er auch heute gute Beziehungen, niemand käme jedoch auf die Idee, ihm nachzusagen, ein iranisches Sprachrohr oder gar eines für die iranischen Konservativen zu sein. Unabhängigkeit ist sein großes Markenzeichen, in diesem Sinne gestaltet er auch seine Beziehung zu den Amerikanern: Als Mitglied des Regierungsrates war er ein harter Kritiker der US-Verwaltung, genauso erlaubt er sich aber heute zu sagen, dass er einen sofortigen Abzug der US-Truppen für gefährlich halten würde.

Angeblich hat Jafari sich auch mit US-Vizekönig Paul Bremer gut verstanden: Sie sollen den Hang zur Feinschmeckerei geteilt haben. Man kann aber davon ausgehen, dass Bremer das Glas Wein zum Essen alleine trinken musste. (Gudrun Harrer/DER STANDARD, Printausgabe, 23.2.2005)

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