Es ist nicht alles so, wie es scheint

28. Februar 2005, 13:04
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Zum 150. Todestag des Mathematikers Carl Friedrich Gauß

Musik und Mathematik gelten seit den Pythagoräern als verwandt. Beide erfreuen mit abstrakter Schönheit, bei beiden erlaubt nur ein langes Studium, sie aktiv zu betreiben. Die eigenartigste Parallele besteht jedoch darin, dass in beiden von Zeit zu Zeit Genies auftauchen. In der Musik war Mozart das vielleicht größte Genie der bekannten Menschheitsgeschichte. In der Mathematik kann Mozart wahrscheinlich nur mit Carl Friedrich Gauß verglichen werden.

Am 30. April 1777 in Braunschweig geboren, rechnete er, bevor er sprechen konnte: Irrte sich sein Vater, ein Kaufmann, beim Addieren, begann der Dreijährige zu weinen und mit dem Stock gegen den Tisch zu klopfen. Mozart, der nie eine Schule besuchte, verdankte seinem Vater fast alles, Gauß seinem Volksschullehrer: Als der Bub in Sekunden alle Zahlen von 1 bis 100 addierte, erkannte Lehrer Büttner, dass der Kleine mehr Mathematik beherrschte als er selbst und sorgte dafür, dass Gauß studieren konnte. Der Herzog von Braunschweig förderte seinen Unterricht.

19-jährig löste Gauß ein geometrisches Problem der Antike und entschloss sich zum Studium der Mathematik. In seiner Dissertation bewies er den 70 Jahre lang vermuteten "Fundamentalsatz der Algebra". Und 1801 veröffentlichte er ein Buch, das die "Zahlentheorie", wozu die geheimnisvolle Verteilung der Primzahlen gehört, als wissenschaftliche Disziplin begründete.

Bekannt wurde Gauß, als es ihm gelang, die Bahn des 1801 entdeckten, aber nur kurze Zeit beobachteten Asteroiden Ceres zu berechnen und vorauszusagen, an welcher Stelle des gestirnten Himmels man ihn wieder finden würde.

Die tiefste Erkenntnis, die Gauß gewann, hielt er jedoch geheim: dass der Raum nicht sein muss, wie ihn Euklid beschrieb. Vielleicht lässt der Raum überhaupt keine Parallelen zu. Oder er erlaubt es, zu einer Geraden durch einen nicht auf ihr liegenden Punkt unendlich viele Parallelen zu ziehen. Der Raum ist vielleicht faltig, gekrümmt und seltsam - gar nicht so, wie wir ihn uns vorstellen. Bernhard Riemann, sein Schüler, hat dies später bekannt gemacht. Doch erst Albert Einstein war es vergönnt, neben dem Raum die Zeit in Riemanns Geometrie gekrümmter Mannigfaltigkeiten einzubinden, den waghalsigen Gedanken von Gauß als physikalische Realität zu entlarven.

Mozart war nur ein kurzes Leben vergönnt, Gauß hingegen wurde alt und fühlte schmerzlich sein mathematisches Talent versiegen. Am Ende seiner Tage spazierte er durch die Gassen Göttingens und zählte manisch immerfort: Fenster, Häuser, Brückenpfeiler, Pflastersteine - ein Zählen ohne Ende. Heute, Mittwoch, vor genau 150 Jahren ist er 78-jährig gestorben. (Rudolf Taschner/DER STANDARD, Printausgabe, 23.2.2005)

Von Rudolf Taschner Zur Person

Rudolf Taschner ist Professor für Technische Mathematik an der TU Wien, ausgezeichnet als "Wissenschafter des Jahres 2004" und Leiter des math.space im MQ Wien: Dort findet am 15. Juni der Auftakt zu einer Gauß-Veranstaltungsreihe statt.

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