Erkenntnis durch Missbrauch

1. März 2005, 12:09
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Kienzers "Neue Immobilien" in der MAK-Galerie: Eine dreidimensionale Zeichnung aus mehreren tausend Metern Aluminiumdraht

Wien – Wie schon Raymond Pettibon 2001, hat Michael Kienzer die MAK-Galerie mit einer monumentalen Zeichnung gefüllt. Wie bei Pettibon existiert die Zeichnung nur für die Dauer der Ausstellung. Pettibons Arbeit wurde übertüncht, Kienzers Zeichnung muss später aus dem Raum geschnitten werden.

Seine Zeichnung ist dreidimensional: Ein Knäuel aus mehreren tausend Metern Aluminiumdraht geht bis an die Grenzen der Galerie, scheint sich aufzulösen. Der Faden widersetzt sich der dichten Wicklung, schnellt in chaotischen Bögen und Windungen zurück, beansprucht jenen Platz, den sonst die Besucher einnehmen.

Wer sich vorwagt in den Dschungel der Linien, kann die Zeichnung gleichsam von innen erleben, dem Fadenlauf folgen und sich selbst im Werk verstrickt wiederfinden, oder: Der sieht die Galerie aus der Perspektive des ausgestellten Objektes. Was wiederum dazu führt, dass er von Außenstehenden unweigerlich als Teil der Arbeit wahrgenommen wird. Ganz so wie das Radio, welches sich in einem älteren Objekt Michael Kienzers hoffnungslos in der eigenen Stromzufuhr verfangen hat: Eine hervorstehende Antenne und gedämpfte Musik verrieten dessen Präsenz in den Tiefen des Kabelknäuels.

In der Säulenhalle des MAK demonstriert Kienzer die monumentalen Möglichkeiten, die sich aus der missbräuchlichen Verwendung von Klebeband ergeben: Zwei Streifen ragen in den Raum empor, um eine beachtliche Kugel zu tragen. Füße ungeahnter Fragilität sind das, Gegenentwürfe zu den massiven Säulen, die die Gewölbe der Halle stützen. Das funktioniert so natürlich nicht bzw. genau umgekehrt: Die Kugel ist ein heliumgefüllter Luftballon. Sie "trägt" ihre vermeintlichen Stützen.

Im öffentlichen Raum vor dem MAK hat Kienzer den Gehsteig mit Mehrwert ausgestattet und einen Ziehbrunnen aufgestellt. Bloß dass das Brunnenrohr nicht unterirdisch nach dem Wasser greift, sondern umgekehrt die Pumpe auf die Höhe von Laternen stemmt. Es ragt aus einem Blumentopf, ist bloß Dekor und irritiert ohnehin nur Leute, die erhobenen Hauptes im öffentlichen Raum unterwegs sind. Neue Immobilien nennt Michael Kienzer seine Eingriffe in die nur scheinbar unverrückbaren Strukturen des Ortes. (DER STANDARD, Printausgabe, 23.02.2005)

Von
Markus Mittringer

MAK
Bis 12. Juni
  • Artikelbild
    foto: mak
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