Prozess um Mord im "Affektsturm"

24. Februar 2005, 16:02
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Ein ehemaliger Rathausmitarbeiter weiß bis heute nicht, warum er seine Exfreundin erwürgt hat - Verteidiger: "Kein Mord"

Wien - Martin W. (39) hat sich selbst gründlich analysiert. Seine unglückliche Kindheit, seine daraus resultierende Angst vor dem Verlassenwerden, seine Eifersucht, sein Misstrauen - alles kann der ehemalige Pressesprecher aus dem Büro der Wiener Vizebürgermeisterin Grete Laska erklären. Nur eines weiß er bis heute nicht: warum er am Morgen des 27. September 2004 seine Exfreundin Gudrun P. (36) erwürgt hat.

"Abertausende Male hab darüber nachgedacht, aber ich weiß nicht, was in mir vorgegangen ist", beteuerte Martin W. am Dienstag beim Auftakt des Mordprozesses im Wiener Landesgericht.

Keine "Rechtstreue"

"Jeder kommt einmal in eine Situation, in der man jemandem etwas tun will, aber die Rechtstreue hält uns zurück", behauptete sein Verteidiger Ernst Schillhammer in seinem Eingangsstatement an die Geschworenen. Aber sein Mandant habe sich in einem "Affektsturm" befunden.

Worauf die Verteidigung hinauswill, ist "Totschlag". Martin W. habe Gudrun P. zwar umgebracht, aber nicht vorsätzlich. Die Geschworenen müssen zwischen "lebenslang" (Höchststrafe für Mord) oder zehn Jahren (Höchststrafe für Totschlag) entscheiden.

Eitel Wonne

Martin W., der sich als ehemaliger Schulabbrecher hinaufgearbeitet hatte, lernte die WU-Absolventin Gudrun P. im vergangenen Frühling kennen, in der letzten Mai-Woche wurde die Beziehung konkret, sie zog zu ihm, bis Mitte August sei alles "eitel Wonne" gewesen, erzählt der Angeklagte. Auch das gemeinsame Interesse an Psychologie habe gepasst. "Wann ist dann der Knacks gekommen?", will Richter Fritz Zöllner wissen.

Ein anderer Mann

Als er mitbekommen habe, dass es offensichtlich einen anderen Mann gab, so der Angeklagte. "Wenn um acht Uhr in der Früh jemand anruft und ein Markus ist, werd ich stutzig."

Die Beziehung ging daraufhin hin und her, schließlich habe man vereinbart, dass Gudrun auszieht. Wenige Tage davor fuhr W. zu einem Selbsterfahrungsseminar nach Salzburg, das ihm Gudrun noch in besseren Tagen geschenkt hatte - eine so genannte systemische Familienaufstellung (siehe Wissen).

Nach dem viertägigen Kurs habe er völlig klar gesehen: "Die Beziehung soll nicht sein." Die Therapeutin, bei der auch bereits Gudrun zur Familienaufstellung gewesen sei, habe empfohlen, das Problem "mit Liebe" zu lösen.

Zwei Teller

Am Morgen des Tages, als Gudrun ihre Sachen wegbringen wollte, sah W. zwei gebrauchte Teller und Gläser in der Küche. Auf die Frage, ob jemand da gewesen sei, habe Gudrun gesagt, dass sie immer aus zwei Tellern esse. Bei W. meldeten sich wieder Misstrauen und Eifersucht. Gudrun sagte: "Du bist krank." Ihre letzten Worte waren angeblich: "Und in deinem Umfeld mach ich dich fertig."

Gudrun starb an einem so genannten Unterarmwürgegriff, wie er bei Judo gelehrt wird. Der Frau dürfte es laut Gerichtsmediziner gelungen sein, sich einmal kurz zu befreien, worauf der Täter "nachgegriffen" und mindestens fünf weitere Minuten zudrückt habe. Der Prozess wird am 7. April fortgesetzt. (Michael Simoner, DER STANDARD Printausgabe, 22.02.2005)

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