Wissenschaftssprecher der Parteien kritisieren "unsoziale" Maßnahme

22. Februar 2005, 19:03
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Studierende nach der alten Studienordnung wurden nicht in Praktikum aufgenommen - Appell an Rektor Schütz, die "Maßnahmen zu hinterfragen"

Wien - Die Wissenschaftssprecher der Parlamentsparteien appellieren in einem Brief an den Rektor der Medizinischen Universität (MUW) Wien, Wolfgang Schütz, "Maßnahmen zu hinterfragen", die dazu führen, dass derzeit Studenten nach der alten Studienordnung um die Weiterführung ihres Medizinstudiums bangen müssen. An der MUW stand man bisher auf dem Standpunkt, die betroffenen Studenten hätten klare Fristen verpasst. Nach Angaben der Grünen, deren Wissenschaftssprecher Kurt Grünewald den Brief initiiert hat, haben Magda Bleckmann (F), Gertrude Brinek (V), Josef Broukal (S) zugestimmt, den Brief zu unterzeichnen. Er soll in den kommenden Tagen an Schütz übermittelt werden.

Hauptproblem der Angelegenheit ist die tief greifende Umstellung des Studienplanes an der damals noch der Uni Wien eingegliederten Medizin. Nach Probeläufen war die vollständige Umstellung mit dem Wintersemester 2002/03 vollzogen. Die einschneidendsten Änderungen sind die drastische Reduktion der "Prüfungen mit Entscheidungscharakter" und eine so genannte "Summativ integrierte Prüfung" (SIP) am Ende des zweiten Semesters, mit einer limitierten Anzahl an Studienplätzen ab dem dritten Semester.

Problem: Aufnahme in Physiologisches Praktikum

Eine laut MUW nicht zu eruierende Zahl an Studenten nach dem alten Studienplan steht nun vor dem Problem, dass sie in das letzte Physiologische Praktikum nicht aufgenommen wurden. Und das, obwohl sie - nach eigenen Angaben - alle Voraussetzungen erfüllt hätten. Die Konsequenz für diese Studenten: Sie können ohne dieses Praktikum den ersten Studienabschnitt nach der alten Studienordnung nicht termingerecht absolvieren. Sie müssten das Studium beenden oder nach der neuen Regelung praktisch von vorne beginnen - und damit den Flaschenhals zwischen zweiten und drittem Semester passieren.

Die Anzahl der Betroffenen wird von den Studenten selbst auf an die 100 geschätzt. Seitens der MUW kann man diese Zahl nicht nachvollziehen. Es gebe natürlich Listen, dabei aber auch "eine Menge Karteileichen".

Brief an Schütz

In ihrem Brief an Schütz erklären die Mandatare, dass in den vergangenen Wochen "zahlreiche Informationen, Beschwerden und Bitten" an sie herangetragen worden seien, welche die Studierendensituation im Human- und auch im Zahnmedizinstudium auf der MUW beträfen. Sie äußerten Verständnis dafür, dass die Universität "klare Regeln in der Qualität der Betreuung" wünscht. Der Rektor wird aber aufgefordert, die Notwendigkeit der Maßnahmen nochmals zu hinterfragen.

Es sei eine Ressourcenverschwendung, Studenten nach vierjähriger Ausbildung an den Anfang ihres Studiums zurückzustellen. Auch "wäre zu prüfen", ob die Aberkennung von einmal positiv abgelegten Prüfungen dem Prinzip der Rechtssicherheit entspreche.

"Unsensibler Umgang mit Humanressourcen" kritisiert

Insgesamt orten die Wissenschaftssprecher einen "unsensibler Umgang mit Humanressourcen". Studierenden und deren Familien die Belastung eines Studiums abzuverlangen und das Ergebnis durch Aberkennung geleisteter Prüfungen zunichte zu machen, sei unsozial, von der psychischen Belastung für die Betroffenen ganz abgesehen.

Man habe Verständnis dafür, dass bei Einführung eines neuen Studienplans der alte auslaufen müsse. Schütz wird dennoch ersucht, "von einer Aberkennung bereits positiv abgelegter Prüfungen abzugehen und alle Möglichkeiten einer großzügigen Anerkennung auszuschöpfen".

Ministerin zum Einschreiten aufgefordert

Broukal forderte zusätzlich in einer Aussendung Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (V) zum Einschreiten auf. Die Ministerin dürfe sich nicht "auf die Autonomie der Universitäten ausreden". Es stelle sich die Frage, ob die Vorgangsweise der Universität mit den gesetzlichen Zielen im Einklang stehe. Gehrer müsse das Argument des Rektors, dass ihn akute Geldnot zu diesen Einschränkungen zwinge, ernst nehmen. (APA)

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