Pressestimmen: "Ein Imperator auf Reisen"

23. Februar 2005, 14:18
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Die Welt: Schon jetzt ist der antiamerikanische Furor Besorgnis erregend

London/Paris/Berlin - Der Besuch von US-Präsident George W. Bush in Europa ist am Dienstag Gegenstand zahlreicher Pressekommentare:

"Daily Telegraph" (London):

"Bush hat Europa die Hand der Freundschaft entgegengestreckt. Nun besteht die Gefahr, dass Europa dies als Sieg seines 'weichen' Vorgehens über die 'harte' Strategie Washingtons auslegen wird. Wer das tut, unterschätzt die Folgen des 11. September 2001 völlig, denn dieser kann durchaus mit dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor von 1941 verglichen werden. Der Überfall der Japaner ließ einen schlafenden Riesen erwachen und auf die Bedrohung durch die Achsenmächte aufmerksam werden. Der 11. September hat einer Bevölkerung, die vom Terrorismus noch weitgehend verschont geblieben war, dessen zerstörerische Kräfte vor Augen geführt."

"Daily Mirror" (London):

"Nicht nur der Schnee war schuld daran, dass Bush in Belgien ein frostiger Empfang bereitet wurde. Es wird mehr als schöne Worte erfordern, um die Kluft zu überbrücken, die durch den Irak-Krieg des Präsidenten entstanden ist. Besser als Worte wäre eine Garantie dafür, dass die USA jetzt nicht auch noch den Iran oder Syrien ins Visier nehmen. Außerdem erwarten die Europäer mehr Engagement im Umweltschutz - ein Versprechen, dass Amerika mit der Verseuchung des Planeten aufhört. Natürlich ist es wichtig, dass sich Europa und Amerika wieder näher kommen, aber Taten sagen mehr als tausend Worte."

"Liberation" (Paris):

"Franzosen und Amerikaner haben den gemeinsamen Willen, den Iran und Syrien von der Unterstützung des Terrorismus und damit von der Destabilisierung der Nahostregion abzubringen. Auch wenn Bush bisher noch nicht von einem Regimewechsel in Teheran und Damaskus gesprochen hat, so scheint er doch versucht zu sein, dieses Ziel mit dem großen militärischen Knüppel durchzusetzen, während Frankreich und seine europäischen Nachbarn das diplomatische Zuckerbrot vorziehen. Bush muss den Verbündeten zuhören können, wenn es um die Mittel geht, ein Ziel zu erreichen. Und die Europäer müssen fähig sein, entschlossen ihre Ziele zu verfolgen. Davon wird abhängen, dass sich der Riss aus dem Irak-Krieg nicht wieder einstellt, wenn es um den Iran, Syrien oder den Libanon geht."

"Die Welt": (Berlin)

"Warmherziger und freundlicher, kooperativer und offener hätte die Rede des amerikanischen Präsidenten an die Europäer nicht sein können. (...) Beide Seiten lächeln, nehmen die globalen Bedrohungen aber anders wahr. Wenn es hart auf hart kommt, sind sie nicht bereit, aufeinander zuzugehen. Darüber hinaus verliert Berlin zunehmend das Interesse an den transatlantischen Strukturen. Jederzeit kann der heftige Antiamerikanismus, der nicht nur, aber vor allem in Deutschland wütet, ausbrechen und für die eigene Politik nutzbar gemacht werden. Schon jetzt ist der antiamerikanische Furor Besorgnis erregend. Was wird erst geschehen, wenn der Konflikt mit dem Iran zur Krise wird?"

"Berliner Zeitung":

"Kein Zweifel, der amerikanische Präsident ist sehr um einen freundlichen Ton vor allem gegenüber jenen europäischen Partnern bemüht, die im Konflikt um den Irak-Krieg seine schärfsten Kritiker waren. Bei genauerem Hinsehen könnte man allerdings auch den Eindruck gewinnen, dass hier ein Imperator auf Reisen gegangen ist und Audienzen gewährt, schon freundlich, vielleicht aber auch recht gönnerhaft. Man könnte auch ganz einfach sagen: Der Wolf hat Kreide gefressen, denn er hat festgestellt, dass er damit im Moment weiter kommt als mit ausgefahrenen Krallen. Der freundliche Ton ändert nichts daran, dass dies der gleiche Kriegsherr mit imperialem Anspruch wie vorher ist. (...) Im Moment erscheinen die europäischen Verbündeten dem amerikanischen Präsidenten also als nützlich. Die Weltmacht hat festgestellt, dass selbst ihre erdrückende Militärmacht nicht ausreicht, um ein unterworfenes Land wie den Irak - 'die jüngste Demokratie der Welt', wie Bush sich nun ausdrückt - zu befrieden."

Der Tagesspiegel, Berlin:

"Bush hat sich zum Auftakt seiner Europatour nicht als Struktur-, sondern als Wertkonservativer gezeigt. Mit der Erkenntnis: Wer bewahren will, muss verändern, um das zu bewahren, was ihm wichtig ist. (...) Das offizielle Washington hat bisher eher Misstrauen gegenüber der Europäischen Union gehegt. Die NATO ist ja so viel einfacher zu handhaben. (...) Es liegt an Europa, den Versuch für sich zu nutzen."

"La Repubblica" (Rom):

"Zu den Zeiten Bill Clintons haben die Europäer noch den Segen der Vereinigten Staaten für ihren europäischen Integrationsprozess gesucht. Heute fordern sie von Bush die Anerkennung dieser europäischen Integration, die vom atlantischen Verbündeten nicht mehr in Frage gestellt werden darf. Das ist der Sinn der Botschaft, die die europäischen Führer Bush vermitteln wollen, indem jeder von ihnen zugleich für alle anderen spricht. Es handelt sich dabei um eine Botschaft, die der amerikanische Präsident, trotz aller Signale des guten Willens und der Öffnung, noch nicht hat verstehen wollen."

taz, Berlin

"Auch bei der Gestaltung des Reise- und Speiseplans zeigt sich die protokollarisch-hegemonistische Regie auf der symbolischen Ebene. Frankreichs Präsident muss sich zum Abendessen nach Brüssel bequemen, Russlands Präsident Putin ist in die slowakische Hauptstadt zum Mittagessen bestellt. Wenn man bedenkt, dass die Verhandlungen zwischen der Sowjetunion und den tschechoslowakischen Reformkommunisten 1968 wenigstens noch genau an der Grenze zwischen der UdSSR und der CSSR stattfanden, sieht man, wie weit es inzwischen mit Russland gekommen ist. (...) Autokratische Herrscher sind nur bei seltenen Gelegenheiten zu sehen. In ihrer Umgebung schweigt man, als wäre es ein byzantinischer Herrscherhof. In den abhängigen Provinzen steht die Kaiserstatue für die Präsenz des Gott-Herrschers. Dieser bequeme Weg ist dem amerikanischen Weltenlenker verwehrt, denn er muss stets persönlich präsent sein. Er ist es zwar in der Glotze, aber kann er gänzlich aufs nicht virtuelle, sondern reale Publikum verzichten, wenn er im Ausland weilt?" (APA/dpa/AFP)

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