Feste und Festreden. Schweigen und Enthüllung

21. Februar 2005, 20:58
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Der Dogma-Film "Festen" von Thomas Vinterberg in einer Bühnenfassung - Österreichische Uraufführung am Schauspielhaus Graz

Feste - Familienfeste im Speziellen - kommen einer Gratwanderung gleich. Unter dem hübsch gepflegten Teppich der Hochstimmung versteckt sich ein Subtext des Ungesagten - einem kalten Fliesenboden gleich. Das Fest feiert nun am Grazer Schauspielhaus seine österreichische Uraufführung - inszeniert von Deborah Epstein und Marcus Mislin nach dem Dogma-Film "Festen" von Thomas Vinterberg.

Helge (Ernst Prassel) wird sechzig; der wohlhabende Hotelier und mehrfache Vater lädt zur großen Geburtstagsfeier. Eine archetypische Konstellation. Die Familie ist beinahe vollzählig zugegen. Eine Tochter konnte nicht mehr kommen; sie nahm sich vor Kurzem das Leben. Aber davon spricht man nicht. Enkel singen freudig, und Ständchen um Ständchen erklingt es auch von der illustren Gästeschar: "Er lebe hoch!" Doch die Festrede des ältesten Sohns Martin (Dominik Warta) widerspricht dieser Idylle. Aus ihm bricht ein schockierender Vorwurf heraus: Helge habe seine Kinder sexuell missbraucht! Absurd, wie das üppige Mal und die senile Gegenrede der Großmutter lange gegen Martin ausgespielt werden. Erst der Abschiedsbrief der Tochter, den Vorwurf bekräftigend, verkehrt den Sinn des Abends: Der Geburtstag wird vollends zur Anklage. Eine nüchtern-gelungene Aufführung, mit überzeugenden Schauspielern, die dem Bühnenbild (Florian Barth) seltsam gleicht: zwischen besternter Nachthimmelweite und engem Käfig changierend, berührt sie emotional und bleibt doch seltsam starr-typologisch.

Es ist ein Stück Revolution, das gegen die Angst vor der Wahrheit aufbegehrt; gegen unverstandenes menschliches Innenleben. Schließlich bleibt die Frage: "Vater, warum hast du das getan?" (alki/DER STANDARD, Printausgabe, 22.02.2005)

Schauspielhaus Graz
Hofgasse 11
8010 Graz
0316/80 00
19.30 Uhr
  • Artikelbild
    foto: schauspielhaus/peter manninger
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