Kopf des Tages: Wahlsieger José Sócrates

23. Februar 2005, 11:40
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Karrieresprung ohne den Segen der Mutter

Portugals Politik ist für Überraschungen gut. Wer nach dem Debakel der konservativen Regierung Politikverdrossenheit konstatierte, wurde eines Besseren belehrt. Mit einer Wahlbeteiligung von 65 Prozent erteilten die Portugiesen der Mitte-rechts-Koalition unter dem als "Seitenblicke"-Darsteller begabten, als Regierungschef aber erratischen Pedro Santana Lopes einen vernichtenden Denkzettel und machten den als uncharismatisch, distanziert und "zum Arbeiterführer wenig geeignet" beschriebenen José Sócrates zum strahlenden Sieger einer "historischen" Wahl.

Erstaunlich auch der Weg des 47-jährigen Zivilingenieurs an die Macht. Den Erfolg verdankt Sócrates nämlich einem politischen Gegner: Hätte José Manuel Durao Barroso, der als Sanierer sozialistischer Schuldenpolitik angetreten war, nicht einen Karrieresprung an die Spitze der EU-Kommission gemacht, wäre immer noch der farblose Eduardo Ferro Rodrigues Chef des Partido Socialista (PS).

Hätte schließlich Präsident Jorge Sampaio auf den Zuruf des Genossen Ferro gehört und Barrosos Übersiedlung nach Brüssel im Vorjahr zur Auflösung des Parlaments genützt, Sócrates wäre als politisches Talent und Einiger von Mitte-links unentdeckt geblieben. So aber hatte Barrosos Nachfolger Santana Lopes vier Monate Zeit, sein Kabinett in internen Streitigkeiten aufzureiben und das Ansehen der beiden Koalitionsparteien herunterzuwirtschaften.

Sócrates wirkte im Fernsehduell – Seite an Seite mit Kurzzeitpremier Santana – plötzlich telegen, attraktiv und trotz ergrauter Haare erstaunlich jugendlich. Der 1957 in Porto geborene José Sócrates Carvalho Pinto de Sousa musste in seiner Jugend die Scheidung seiner Eltern miterleben, zu einer Zeit, da dies noch als sozialer Makel galt. Noch vor Abschluss des Universitätsstudiums – Spezialgebiet: Spitalstechnik – engagierte er sich erstmals politisch; Vaters Vorbild folgend, bei den Konservativen.

1981 stieß Sócrates dann als einfaches Mitglied zu den Sozialisten, bis Antonio Gutérres – unter dessen EU-Ratspräsidentschaft die "Sanktionen" gegen Österreich verhängt wurden – auf ihn aufmerksam wurde. Mentor Gutérres machte ihn zum Minister ohne Portefeuille; die Vergabe der Fußball-EM an Portugal gilt als persönliches Verdienst des späteren Umweltministers Sócrates.

Die letzte Überraschung in der bewegten Karriere des Trägers von Designeranzügen lieferte am Wahltag Mutter Carvalho – ihr verdankt der geschiedene Vater zweier Söhne den griechischen Vornamen, den er als Familiennamen trägt und der zu seinem Markenzeichen wurde: Als Zeugin Jehovas könne sie ihren Sohn nicht wählen. Sócrates hat in seinem Wahlprogramm die Liberalisierung der Abtreibung angekündigt. (Josef Manola/DER STANDARD, Printausgabe, 22.1.2005)

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