Unreif für die Insel

23. Februar 2005, 21:52
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Es gibt Bilder und Situationen, die man zwar noch nie erlebt hat, die einem Film und Fernsehen aber dennoch stabil ins Unterbe- wusstsein pflanzen – auch beim Essen

Ich weiß nicht genau, wann ich die Verfilmung der „Blechtrommel“ zum ersten Mal gesehen habe, es dürfte wohl als Teenager in den frühen Achtzigern gewesen seien. Und auch, wenn dieser Film generell nicht mit starken Bildern spart, so blieben zwei davon einigermaßen unauslöschlich in meinem Gedächtnis eingestanzt: Die Szene am Schluss, wo Mario Adorf sich nicht anders zu helfen weiß, als seine Hakenkreuznadel runterzuschlucken, und die andere, bei der einem gezeigt wird, wie man früher Aale fing, nämlich indem man einen Pferdekopf an einer Leine ins Wasser hing, dessen Inneres die Fische sodann mit Freude verzehrten und somit in die Falle gingen.

Jetzt mag ich Aal ja eigentlich ganz gerne, vor allem auf die vielerlei Arten, wie ihn die Japaner zuzubereiten pflegen (gegrillt mit karamellisierter Kruste, einfach großartig) oder auch geräuchert. Und das auch, obwohl ich so einen Aal einmal selbst „abgezogen“ habe, was wirklich kein empfehlenswerter Zeitvertreib ist: Um des glitschigen Fisches habhaft zu werden, nimmt man seinen Kopf mit einem Küchentuch, ritzt die Haut mit einem scharfen Messer rund um den Kopf ein, versucht dann, eines Stückchens Haut in die Finger zu bekommen und reißt das Ding mit womöglich einem Ruck vom schlangenartigen Fisch – sehr grauslich das.

Aber nach dieser Pferdekopf-Szene, unlängst übrigens wieder im TV, muss ich immer ganz schön abstrahieren, um da nicht ein bisschen das Ungustiöse zu bekommen, wenn ich an Aal denke. Und ich weiß, dass so ziemlich jeder, den ich kenne, den Film auch irgendwann einmal gesehen hat, und seitdem mit Aal eigentlich nicht mehr wirklich mehr was zu tun haben will. Der Markt für diesen köstlichen Fett-Fisch ist im übrigen ein verschwindender, dass das mit der Filmszene zu tun hat, glaube ich allerdings doch nicht.

Anderer Film, irgendwie noch viel traumatischer, da eine persönliche Urangst berührend: „Cast away“ mit Tom Hanks. Alleine auf einer Insel, die man nicht wirklich als tropischen Früchtegarten bezeichnen kann, ohne besondere Übung, der Natur Nahrung abzutrotzen, und ohne geeignete Werkzeuge, die einem das leichter machen würden.

Schreckliche Vorstellung, aber irgendwie auch mit so einem ganz besonderen Reiz. Ich finde, es hätte durchaus etwas, das einmal für zwei Wochen zu probieren (freilich mit Notruf- und Abbruch-Möglichkeit), schon einmal deshalb, um diese Phobie loszuwerden: Man müsste Wasser ständig bevorraten, man würde Dinge und Tiere essen, die man sonst eher verschmäht, man hätte verhältnismäßig andere Vorstellungen von einem perfekten Garungszustand und generell von Zubereitung (kein Salz!!), man hätte ständig Angst, dass einem morgen vielleicht kein Fisch an die Angel geht.

Robinson Crusoe hatte Glück, der fand auf seiner Insel nicht nur Getreide, sondern auch Tabak (viel Glück, die Aufzucht von Tabak-Pflanzen schaffte ich am Balkon nicht einmal mittels Fachliteratur), bei Tom Hanks schien das Angebot schon weniger üppig, allerdings realistischer.

Na ja, wie auch immer. Ich jedenfalls bin ziemlich dankbar dafür, in der Zivilisation zu leben. Und auch, wenn’s gar nicht so selten nervt und wenn man natürlich sehr wohl sagen muss, dass wir uns von unserer Ernährung weitgehend entfremdet haben, aber Wasserhahn, Supermarkt, Nachtapotheke, Kühlschrank, grüner Salat auch im Winter sind schon ziemlich tolle Errungenschaften.

Von
Florian Holzer
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