Raucherentwöhnung

23. Februar 2005, 09:28
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Es war heute. Im 13A. Und zwar ziemlich genau auf der Strecke zwischen Filmcasino und Siebensternplatz...

...Aber für die Frau mir gegenüber war es länger. Viel länger.

Sie war konzentriert. Hochkonzentriert. Und merkte gar nicht, dass sie alle anstarrten. Nicht einmal die Frage des Kindes ("Mama, was tut die Frau da?" - "Sei ruhig. Zeig nicht mit dem Finger." – "Aber Mama, was..." – "Das ist unhöflich. Lass das.") bemerkte sie. Stattdessen fingerte sie unentwegt an dem weißen Plastikdingsbums herum. Und nuckelte daran, als wäre sie vier Tage unter sengender Sonne durch die Wüste gewandert und hätte jetzt zum ersten Mal eine Wasserflasche in der Hand.

Mundstück

Aber die Flasche endete nach dem Mundstück. Wenn die Frau einatmete, hörte man die Luft pfeifen. Und die nikotingelben Finger der Frau mit den langen rotgefärbten, an der Wurzel bereits wieder graubraun ausgewachsenen Haaren färbten sich an den Knöcheln weiß – so fest hielt sie den Zigarettenersatzstummel.

B. stieß mich an: Bisher habe er immer geglaubt, es gäbe nichts prolligeres, als jenen Menschenschlag, der sich schon auf der U-Bahn-Rolltreppe eine anheizen muss. Oder Leute, deren Drang zur sozial endlich nicht mehr voll akzeptierten Selbstbeschädigung so groß ist, dass sie sich dafür in verstunkene Kämmerchen, verbannen ließen, meinte er. Bisher.

Ekel

"Das hier," sagte B. und wandte sich ab, "das schlägt aber echt alles." Und obwohl er wisse, dass Süchtige krank sind und die Frau mit dem Plastikzutz zumindest versuche, dagegen anzukämpfen, empfände er geradezu körperlichen Ekel. "Wie wenig Selbstachtung muss ein Mensch haben, dass er sich öffentlich so erniedrigt?", fragte B.

Am Siebensternplatz stieg die Nikorette-Frau gemeinsam mit uns aus. Noch in der Bustür steckte sie das Plastikding weg und angelte sich eine Zigarette aus der Handtasche. "Endlich", seufzte sie halblaut – und als sie B.s bestürztes Gesicht sah, fuhr sie ihn an: "Na womit soll ich mich denn sonst belohnen? So weit wie heute habe ich es überhaupt noch nie geschafft. Das waren jetzt immerhin elf Minuten."

  • Von Montag bis Freitag täglich eine Stadtgeschichte
von Thomas Rottenberg

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"Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

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