Intrigenarien auf dem Schuldenberg

24. Februar 2005, 16:33
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An der der Mailänder Scala tobt zurzeit ein Machtkampf mit vielen Facetten

Die festlichen Roben blieben diesmal im Schrank. Nur zwei Monate nach der glanzvollen Wiedereröffnung der Mailänder Scala fiel am Dienstag die Premiere von Tschaikowskis Pique Dame aus. Die von den Scala-Beschäftigten beschlossene Bestreikung aller Premieren der laufenden Saison ist nur der jüngste Paukenschlag in einem Machtkampf, der Italiens Paradeopernhaus seit Monaten lähmt.

Das Libretto des Intrigenspiels, das hinter den Kulissen in Szene geht, ist auch für Insider verwirrend - die beiden Hauptdarsteller betreten die Bühne kaum. Musikdirektor Riccardo Muti und Intendant Carlo Fontana ignorieren einander. Im Machtkampf der Rivalen lassen sie Komparsen und Strippenzieher agieren, die dem Konflikt eine Vielzahl politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Facetten verleihen.

Die Scala war schon immer eine bevorzugte Spielwiese der Milano bene, der noblen Mailänder Gesellschaft. Einer aus diesem erlesenen Kreis ist Fedele Confalonieri, Präsident von Berlusconis Medienkonzern Mediaset - und Präsident des Scala-Orchesters.

Muti-Freund Confalonieri ist ebenso Mitglied des Verwaltungsrats wie Telecom-Chef Marco Tronchetti-Provera und Mailands Bürgermeister Gabriele Albertini. Alle drei wollen die Führungskrise des Theaters beenden - durch eine Entlassung Fontanas. Doch der Verdacht liegt nahe, dass sie den Verwaltungsrat auch unter die Kontrolle von Berlusconis Forza Italia bringen wollen. Der Konzern des Premiers ist bereits wichtigster Scala-Sponsor.

Der Verwaltungsrat hatte versucht, den Dauerkonflikt zwischen Muti und Fontana durch die Berufung von Mauro Meli zum künstlerischen Leiter zu entschärfen, der das Theater in Cagliari zum innovativsten Opernhaus Italiens gemacht hatte. Doch neben Erfolgen hatte er dort auch beträchtliche Schulden hinterlassen. Der Umstand, dass die Scala nun mit 17 Millionen Euro verschuldet ist, kann allerdings schwerlich Meli angelastet werden, der kaum aus dem Schatten der beiden Rivalen zu treten vermochte.

Zu den Gläubigern, die auf die Bezahlung ihrer Rechnungen warten, gehört dem Vernehmen nach auch die Wiener Staatsoper, die hier seinerzeit mit 'Jérusalem' gastierte. Nun bewegt sich was: Heute will der Verwaltungsrat Fontana entlassen und den Machtkampf zugunsten von Muti entscheiden, dem Kritiker "grenzenlose Selbstherrlichkeit" vorwerfen. Für die Gewerkschaften ein "purer Willkürakt".

Sie fordern den "geschlossenen Rücktritt" des Verwaltungsrates. Dass Meli nun in diesem Intrigenspiel endlich die ihm versprochene Intendantenstelle antreten kann, glaubt kaum jemand. "Die Scala", seufzt der Journalist Luca Del Fra, "ist unregierbar und wird es wohl bleiben".
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24.2.2005)

Gerhard Mumelter aus Mailand
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