Hürden beim Zugang zum Gesundheitssystem

21. Februar 2005, 14:13
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ExpertInnen tagten in Wien - Pensionistinnen und alleinerziehende Mütter besonders armutsgefährdet - Verknüpfung von Medizin, Sozialarbeit und Pflegeberufen gefordert

Wien - Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat (V) sieht die Gruppe der nicht-krankenversicherten Menschen auf eine "kleine Gruppe" geschrumpft. Kampagnen und Projekte des Fonds Gesundes Österreich würden gezielt auch auf Randgruppen zugehen, betonte die Ressortchefin bei einer ExpertInnentagung über den sozialen Zugang zum Gesundheitssystem in der Wiener Urania am Montag. Die ExpertInnen am Podium waren sich dahingehend einig, dass es mit Investitionen im Gesundheitssystem nicht getan sei, um armutsgefährdeten Menschen den Zugang zu ermöglichen.

400.000 Menschen in Österreich sind arm

Als Ausgangspunkt wurden immer wieder aktuellen Daten aus dem "Bericht zur Sozialen Lage 2002/2003" des Sozialministeriums genannt: über eine Million Menschen gelten demnach als armutsgefährdet, über 400.000 Menschen seien arm. Laut einer Studie vom Oktober 2003 des Europäischen Zentrums Wohlfahrtspolitik und Sozialforschung würden in Österreich rund 160.000 Menschen ohne Krankenversicherung leben.

Mangelnde Versicherung für AsylwerberInnen ohne Bundesbetreuung

"Ich sehe Gesundheit nicht nur im Krankenversicherungsschutz. Gesundheit ist nicht nur die Abwesenheit von Krankheit", schickte Rauch-Kallat voraus. Die Studie ging davon aus, dass von den rund 160.000 Menschen 52 Prozent AsylwerberInnen ohne Bundesbetreuung seien. Dies ist allerdings - laut Rauch-Kallat - bereits mit dem Innenministerium gelöst worden: "Die Gruppe der Nicht-versicherten ist auf eine kleine Gruppe geschrumpft".

"Armut ist weiblich", bezog sich die Wiener Frauengesundheitsbeauftragte Beate Wimmer-Puchinger auf den Sozialbericht. An zwei Polen eines Frauenlebens seien Frauen besonders gefährdet in die Armut abzurutschen: Bei den Pensionistinnen seien 16 Prozent armutsgefährdet, 31 Prozent bei allein erziehenden Müttern. "Da kann man nicht zur Tagesordnung übergehen", forderte Wimmer-Puchinger rasches Handeln von der Bundesregierung ein.

Interdisziplinarität gefragt

Einigkeit unter den ExpertInnen am Podium herrschte darüber, dass es mit Investitionen in das Gesundheitssystem nicht getan sei, Investitionen in die Bildung und in soziale Gerechtigkeit würden sich langfristig rechnen. Dennis Beck vom Fonds Gesundes Österreich betonte, dass man besonders obdachlose Menschen nicht über eine Medienkampagne erreichen könne. Man müsse sehr zielgruppenorientiert vorgehen. "Sehr viel Aufholbedarf" beim Verknüpfen der Disziplinen, der Medizin, der Sozialarbeit und der Pflegeberufe, um den Zugang für Arme zu verbessern, ortete Markus Reiter vom Wiener Obdachlosenheim Neunerhaus.

"Frauen entgegenkommen"

"Wir müssen den Frauen entgegenkommen, sie dort aufsuchen, wo sie sind", beschrieb Daniela Kern vom Frauengesundheitszentrum FEM den Zugang ihrer Einrichtung. Deshalb würden die Mitarbeiterinnen in Parks, auf Märkte, zu psycho-sozialen Einrichtungen, in Frauenhäuser gehen. Wichtig sei für die Klientinnen - 40 Prozent seien Migrantinnen - alles in einem Haus anzubieten: sowohl medizinische Untersuchungen als auch Kurse oder soziale Beratung. (APA)

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