Die Umweltbrille aufsetzen

27. Februar 2005, 20:26
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Wolfgang Wimmer hilft Firmen bei der umweltgerechten Produkt-Entwicklungen - Im STANDARD-Interview sprach der TU-Professor über Ecodesign

Immer mehr Firmen versuchen, den Weg zu umweltgerechten Produktentwicklungen zu gehen. Wolfgang Wimmer, Professor an der TU Wien, versucht ihnen dabei zu helfen. Martina Gröschl sprach mit ihm über systematische Ansätze zum Thema Ecodesign.

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STANDARD: In Ihrem neuen Buch "Ecodesign Implementation" (Koautoren Rainer Züst, Kun-Mo Lee, Springer-Verlag 2004) bieten Sie Unternehmen eine Hilfestellung an, wie sie umweltgerechte Überlegungen in ihre Produktentwicklung integrieren können. Was sind die Ideen dahinter?
Wimmer: In "Ecodesign Implementation" geht es darum, wie man umweltgerechte Produktgestaltung, also Ecodesign, in einem Unternehmen integriert. Es geht um produktbezogenen Umweltschutz. Das Buch verbindet zwei Ansätze. Der eine ist die Bewertung der Umweltauswirkungen eines Produktes. Wenn Sie beispielsweise Ihre Waschmaschine jeden zweiten Tag betreiben, dann haben Sie am Ende des Jahres einen bestimmten Energieverbrauch. Dieser Energieverbrauch erzeugt, je nachdem wie die Energie bereitgestellt wird, gewisse Umweltbelastungen. Der zweite Ansatz betrifft die Umweltauflagen, die ein Produkt erfüllen muss, Beispiel Elektronikschrottverordnung. An einem Ansatz, der diese beiden Überlegungen berücksichtigt und systematisch aufzeigt, wie man sie umsetzt, hat es bisher gefehlt. In "Ecodesign Implementation" wird das in einer Art Kochrezept in zwölf Schritten erklärt.

STANDARD: Ist das Thema Ecodesign so kompliziert, dass es ein Kochrezept braucht?
Wimmer: Nein, das Thema ist nicht kompliziert, es ist komplex. Unternehmen entwickeln Produkte, die in Bezug auf Sicherheit, auf Qualität, auf Wartbarkeit, auf Verfügbarkeit, auf Zuverlässigkeit perfekt sind. Aber was fehlt und für die Unternehmen völlig neu ist, ist Umweltgerechtheit.

STANDARD: Was macht das Thema so komplex?
Wimmer: Die Verbindung verschiedener Disziplinen. Die Einbindung von Umweltbewertung. Das ist für einen Konstrukteur zunächst nicht sein Hauptgeschäft. Der Konstrukteur muss das so aufbereitet bekommen, dass er Umweltbewertung verstehen und entsprechend in seiner Gestaltung der Produkte, die er entwickelt, einbauen kann.

STANDARD: In "Ecodesign Implementation" ist einer der zwölf Schritte auf dem Weg zum unweltgerechten Produkt die Anwendung der Ecodesign-Pilot-Checklisten. Was kann man sich darunter eigentlich vorstellen?
Wimmer: Der Ecodesign-Pilot ist ein im Internet frei verfügbares Softwaretool, mit dem Unternehmen zielgerichtet ihre Produkte selbst verbessern können. Hier wird ihnen systematisch geholfen, Innovation in der Produktentwicklung durch die Umweltbrille zu erreichen. Sie können die Thematik erlernen und gleichzeitig die Produkte optimieren. Zum Ecodesign-Pilot gibt es einen Assistenten, der - zum Beispiel dem oben erwähnten Konstrukteur - kritische Fragen zum Produkt stellt und auf Basis der eingegebenen Daten sagt, welche Strategie für das Produkt geeignet ist. Beispiel Waschmaschine: Da wird der Assistent wahrscheinlich sagen, dass der Energieverbrauch reduziert werden muss. Die Ecodesign-Pilot-Checkliste liefert dann konkrete Maßnahmen, wie das im Produkt umgesetzt werden kann.

STANDARD: Das hört sich sehr einfach an.
Wimmer: Es ist sehr einfach. Und nimmt dem Thema auch die Komplexität. Wir haben uns bemüht, die Checklisten so zu gestalten, dass sie in der Sprache des Produktentwicklers geschrieben sind. Dass er ganz einfach die komplexe Materie verstehen und sofort in seiner Gestaltung der neuen Waschmaschine verwenden kann.

STANDARD: Können zusätzliche Kosten für Unternehmen nicht eine Hemmschwelle sein, auf eine wirklich umweltgerechte Produktentwicklung umzusteigen?
Wimmer: Es gibt keinerlei Umstiegskosten. Es geht hier nicht um produktionsbezogenen Umweltschutz, also nicht um Prozesse, die Energie verbrauchen, die Abfälle erzeugen und die man ändern muss, sondern - wie schon eingangs gesagt - um produktbezogenen Umweltschutz. Da ist zunächst nichts als ein leeres Blatt. Das Unternehmen überlegt sich, welche Umweltanforderungen es für das Produkt gibt. Und diese können dann mit dem neuen Ansatz in zwölf Schritten gezielt umgesetzt werden. Am Ende hat das Unternehmen ein qualitativ besseres Produkt mit einer besseren Umweltperformance und reduzierter Kostenstruktur. Wirtschaftlichkeit ist in jedem vernünftigen Ecodesign-Projekt ein ganz wichtiger Teil. Wir haben schon viele Firmen in solchen Prozessen begleitet.

STANDARD: Der Ecodesign-Pilot umfasst die Produktentwicklung allgemein. Gibt es speziellere Lösungen?
Wimmer: Wir bieten auch auf Unternehmen abgestimmte Lösungen an. Ab 2006 gelten darüber hinaus zwei neue Richtlinien für den Umgang mit Elektro- und Elektronikgeräten. Für diese Branche entwickeln wir zusammen mit dem Wiener Kompetenzzentrum für Elektro(nik)altgeräte-Recycling und nachhaltige Produktentwicklung (KERP) aktuell einen Ecodesign-Piloten für Elektro- und Elektronikgeräte.

STANDARD: Die EU-Richtlinien wurden 2003 erlassen. Wie weit sind denn die österreichischen Unternehmen mit der Umsetzung?
Wimmer: Innovative Unternehmen sind schon weit auf dem Weg und machen mehr, als die Gesetze und Regelungen verlangen. Andere sind noch ein bisschen hinterher. Und dann gibt es welche, die sich noch nicht ganz klar darüber sind, was da auf sie zukommen wird.

STANDARD: Wie steht Österreich in der Umsetzung von Ecodesign im internationalen Vergleich da?
Wimmer: Sehr gut. Das Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie fördert mit der Programmlinie "Fabrik der Zukunft" Projekte und Ideen zum Thema. Es wird dort auch versucht, mit Unternehmen zu arbeiten, damit sie zu einer besseren Umweltperformance kommen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.2.2005)

  • Wolfgang Wimmer, Professor an der TU Wien, sieht keine Zusatzkosten beim Umstieg auf umweltorientierte Produktentwicklung.
    foto: standard/urban

    Wolfgang Wimmer, Professor an der TU Wien, sieht keine Zusatzkosten beim Umstieg auf umweltorientierte Produktentwicklung.

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