UN-Flüchtlingskommissar tritt nach Belästigungs-Affäre zurück

21. Februar 2005, 19:16
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Ruud Lubbers wird Fehlverhalten gegenüber fünf Mitarbeiterinnen in Genf vorgeworfen

Am Ende setzte UNO-Generalsekretär Kofi Annan einen seiner prominentesten Mitarbeiter gehörig unter Druck. Entweder sollte Ruud Lubbers, der Chef des Genfer UN-Flüchtlingshochkommissariats UNHCR, freiwillig abtreten. Oder die UN würde ihn vom Dienst suspendieren. Der frühere niederländische Regierungschef Lubbers entschied sich für den Rückzug.

Kein Wunder: Die Vorwürfe, er hätte Mitarbeiterinnen sexuell belästigt, wogen schwer. Verbittert schrieb Lubbers am Sonntag seinen Demissionsbrief an Annan. Insgesamt hatten ihm fünf Frauen unsittliche Annäherungen nachgesagt.

Ein interner UNO-Untersuchungsbericht, der Freitag im Londoner Independent veröffentlicht worden war, hatte Lubbers zuletzt schwer belastet. Der Bericht kam zu der Ansicht, dass sich der Niederländer "bedenklich verhalten habe". Er soll die Frauen begrapscht haben. Bis zuletzt beteuerte der 65-Jährige seine Unschuld: Er sei nur "freundlich zu Frauen" gewesen.

Lubbers war bei seinem Amtsantritt die große Hoffnung des UN-Generalsekretärs. Er sollte das UN-Flüchtlingshochkommissariat reformieren. Annan reagierte nun aber kühl auf den Rücktritt des UNHCR-Chefs. Die Entscheidung sei "im besten Interesse des UNHCR", ließ er wissen und erklärte die peinliche Geschichte damit für erledigt.

Der seit fast einem Jahr schwelende Skandal trifft die UNO in einer besonders heiklen Phase. Vor allem deshalb, betonen UN-Diplomaten, habe Annan in der Lubbers-Affäre reinen Tisch machen wollen. "Annan musste handeln, um gegenüber seinen Kritikern aus den USA Führungsstärke zu demonstrieren", so ein Diplomat.

Diverse Skandale

Die Annan-GegnerInnen in den USA fordern wegen der Korruptionsaffäre rund um das "Öl-für-Lebensmittel"-Programm der UNO seit Längerem den Rücktritt des Generalsekretärs. Derzeit untersucht eine unabhängige Kommission unter dem früheren US-Notenbankchef Paul Volcker die Vorwürfe gegen das für den Irak ins Leben gerufene und inzwischen eingestellte Programm. Ein Zwischenbericht belastete die Verantwortlichen schwer: Misswirtschaft hätte an der Tagesordnung gestanden. Für Annan könnte es aber noch schlimmer kommen. Die Kommission beleuchtet auch die mögliche Verwicklung seines Sohnes Kojo in den Skandal rund um das UNO-Programm.

Und Annan muss sich noch mit einer weiteren unangenehmen Affäre herumschlagen: Mitglieder der UNO-Friedensmission im Kongo sollen mehrere Frauen sexuell ausgebeutet haben. (DER STANDARD, Print, 22.2.2005)

Jan Dirk Herbermann aus Genf
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    Ruud Lubbers stellte sich am Freitag nach seinem Gespräch mit Generalsekretär Kofi Annan der Presse.
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