"Leistungsdruck ist keine besonders gute pädagogische Methode"

21. Juli 2006, 09:13
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Die Vorsitzende der Aktion Kritischer SchülerInnen, Kim Kadlec, im derStandard.at- Interview über den emanzipatorischen Charakter von Bildung und den Reformdialog

derStandard.at: Viel zitierte Aufbruchsstimmung nach dem Bildungsgipfel: Glaubt ihr, dass sich wirklich was ändert oder ist das nur "Gerede"?

Kim Kadlec: Die grundlegende Erneuerung unseres Bildungssystems wird – so denke ich - ausbleiben. Kleine Veränderungen wird es durchaus geben, ob sich diese dann aber auch positiv auf die SchülerInnen auswirken werden, bleibt unklar. Eines hat der Reformdialog und die dazugehörige mediale Diskussion aber gebracht: Viel mehr Menschen sind jetzt tiefgreifenderen Bildungsreformen aufgeschlossen und fordern diese auch von der Politik ein.

derStandard.at: Wie steht ihr zur Abschaffung der Zwei-Drittel-Mehrheit In Schulfragen?

Kadlec: Die AKS steht der Abschaffung der 2/3-Mehrheit durchaus kritisch gegenüber. Klar ist natürlich, dass eine einfache parlamentarische Mehrheit für Schulgesetze dringend notwendige Reformen beschleunigen würde. Allerdings kann eine Regierung auch sehr viele schülerInnenfeindliche Reformen beschließen. Und dass unsere aktuelle Regierung hier einige Ideen in der Schublade hat, wie der Schulalltag verschlechtert werden kann, zeigen die „Reform“-Ideen der letzten Jahre.

derStandard.at: Gusenbauers „Warnung“ vor einer Möglichkeit der Einführung von Schulgeld: Politische Kampfrhetorik oder berechtigte Reklamation?

Kadlec: Die Einführung von Studiengebühren hielten viele bis zum Tag ihres Beschlusses für undenkbar. Jetzt sind sie leider universitäre Realität. Elisabeth Gehrer hat noch zwei Wochen vor der Einführung der Studiengebühren versichert, dass es keine geben wird. Dementsprechend ist die Angst vor Schulgebühren durchaus berechtigt. Ich traue der Regierung hier kein bisschen.

derStandard.at: Stichwort Schulpartnerschaft - Seid ihr zufrieden damit, was würdet ihr ändern?

Kadlec: Grundsätzlich ist die Schulpartnerschaft an den Schulen wichtig und funktioniert in vielen Fällen sehr gut. Es gibt aber doch noch einige Schwächen: Die SchülerInnen sind im Verhältnis zu ihrer Anzahl unterrepräsentiert und haben im Gegensatz zu Eltern und LehrerInnen meist wenig Erfahrung. In den ersten SGA Sitzungen des Jahres kann es dadurch passieren, dass SchülervertreterInnen über den Tisch gezogen werden. Auch das gleichberechtigte Verhältnis aller SchulpartnerInnen wird nicht überall gelebt. Diese Bereiche müssen noch verbessert werden.

derStandard.at: Stichwort Gesamtschule – Ja oder Nein? Und Warum?

Kadlec: Ein klares Ja. Einige wissen erst seit PISA, andere aber auch schon länger, dass es möglich ist, SchülerInnen individuell zu fördern. Es müssen nicht immer alle dasselbe in derselben Zeit lernen und können trotzdem voneinander und gemeinsam lernen. Schule kann auf unterschiedliche Fähigkeiten und Begabungen eingehen ohne jemanden zurück zulassen. Das Gerücht, dass gute Förderung in homogenen Lerngruppen besser gewährleistet ist, ist schon lange widerlegt.

derStandard.at: Stichwort Ganztagsschule – Ja oder Nein? Und Warum?

Kadlec: Ja. Weil Schule keine Aufbewahrungsstätte sein darf (auch nicht am Nachmittag). Schule soll zum Lebensraum werden, in dem wir nicht in 50 min Einheiten Frontalunterricht ausgesetzt sind oder zu Hause viel Geld für NachhilfelehrerInnen ausgeben müssen. Eine Ganztagsschule würde gewährleisten, dass wir um 16:00 Uhr die Schule verlassen können und dann wirklich Freizeit haben. Jedenfalls hat eine Ganztagesschule nach unserem Modell nichts mit Schulgefängnissen oder ähnlichem zu tun.

derStandard.at: Wie steht ihr zu verpflichtenden Deutschkursen für MigrantInnenkinder?

Kadlec: Integration kann nur auf freiwilliger Basis richtig funktionieren. Um Deutsch zu lernen, braucht es keine verpflichtenden Kurse, sondern eine intensive Förderung durch StützlehrerInnen in kleinen Klassen. Es ist fast eine Ironie, dass durch die Bildungseinsparungen genau diese LehrerInnen weggespart wurden. Jedenfalls ist es falsch, MigrantInnenkinder jetzt als Sündenbock für die schlechten PISA-Ergebnisse hinzustellen.

derStandard.at: Schule ohne Noten – Horrorvision oder Wunschtraum?

Kadlec: Keines von beidem: sie ist in vielen Ländern erfolgreiche Realität und bei uns das seit längerem geforderte bessere pädagogische Konzept. Denn Schule und auch wir SchülerInnen brauchen dann keine Noten mehr, wenn wir lernen, dass wir uns nicht an unseren KlassenkollegInnen messen müssen, sondern an uns selbst. Das ist die wirkliche Herausforderung. Wir sind einfach zu verschieden, um in fünf Kategorien eingeteilt werden.

derStandard.at: Denkst du, dass der Druck, der auf SchülerInnen heute lastet, zu groß ist?

Kadlec: Er war immer schon zu groß. Leistungsdruck ist keine besonders gute pädagogische Methode. Er bringt auch nicht die gewünschten Erfolge und ist nicht nötig, um SchülerInnen zum Lernen zu bringen. Ganz im Gegenteil. Meistens sind Kinder im Vorschulalter noch hoch motiviert zu lernen. Das ändert sich proportional zur Länge des Schulbesuchs. Da läuft ganz klar etwas schief.

derStandard.at: Was haltet ihr von Schulmodellen mit Modulsystemen?

Kadlec: Es wäre nur richtig, SchülerInnen in höheren Schulen soweit als möglich selbst entscheiden zu lassen, was sie lernen wollen. So kann sich jedeR SchülerIn seinen individuellen Lehrplan zusammenstellen. Das fördert die oft geforderte Selbständigkeit enorm. Außerdem wäre das sinnlose Sitzenbleiben insofern eingeschränkt, als dass – wenn überhaupt – nur einzelne Module und nicht ein ganzes Jahr wiederholt werden muss.

derStandard.at: Was würdet ihr an den Fächern/Lerninhalten verändern? Welche findet ihr besonders wichtig?

Kadlec: Welche Fächer momentan wichtig sind, empfindet jedeR SchülerIn anders. Und das ist auch gut so, weil jedeR andere Interessensgebiete hat. Das Schulsystem muss dem mit individueller Förderung und dementsprechenden Angeboten begegnen. Dass dann auch Fächer wie Rhetorik und Kommunikation existieren bzw. überholte Lerninhalte gestrichen werden müssten, ist logisch, wenn sich die Schule an die SchülerInnen anpasst – und nicht umgekehrt.

derStandard.at: Welche sind überbewertet/zu umfangreich?

Kadlec: Kaum ein Fach, das im Moment unterrichtet wird, ist unnötig. Die AKS kritisiert allerdings, dass einfach zu viel vorgegeben wird und die SchülerInnen nicht selbst entscheiden können. In der Individualisierung liegt eben der Schlüssel.

derStandard.at: Eure Vorstellungen zur LehrerInnenausbildung?

Kadlec: Wir wünschen uns eine einheitliche LehrerInnenausbildung. Je nachdem, in welcher Schulart der/die LehrerIn später unterrichtet, soll jeweils der pädagogisch/didaktische oder der inhaltlich/fachliche Aspekt stärker betont sein. Je jünger die Kinder, desto wichtiger ist eine umfangreiche pädagogische Ausbildung.

derStandard.at: Die immer wieder geäußerte Kritik an Lehrern, deren Arbeitszeit und Motivation – berechtigt oder Vorurteil?

Kadlec: LehrerInnen sind genauso individuell wie wir SchülerInnen. Deshalb können auch nicht "die LehrerInnen" als Gruppe kritisiert werden. Auch wenn natürlich noch immer teilweise untragbares Verhalten seitens einiger LehrerInnen an den Tag gelegt wird. Dieses muss dann situationsabhängig und spezifisch bekämpft werden. Was aber sehrwohl allgemein kritisiert werden kann, sind Teile unseres Schulsystems, in dem LehrerInnen genauso drin hängen wie wir SchülerInnen. Viele Probleme sind systembedingt und keine Launen Einzelner.

derStandard.at: "Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir" – Einverstanden mit dem Zitat?

Kadlec: Ja. Für ein selbstbestimmtes Leben. Wichtig ist aber, dass dieses "Lernen für das Leben" nicht an aktuellen wirtschaftlichen Kriterien gemessen wird. Schule soll nicht dafür da sein, SchülerInnen in vorgefertigte Gesellschaftsstrukturen zu pressen und ihnen zu lehren, was gerade wirtschaftlich verwertbar ist. Vielmehr sollte Schule uns die Möglichkeit geben, die Gesellschaft und unser eigenes Leben selbst zu gestalten.

derStandard.at: Was unterscheidet euch, eurer Meinung nach, am meisten von der Schülerunion?

Kadlec: Grundsätzlich sieht die AKS die Schule als Teil der Gesellschaft. Alle schulischen Reformen müssen in Wechselwirkung zur Gesellschaft betrachtet werden und umgekehrt. Weiters geben wir uns obwohl wir auch die kleinen Erfolge sehen nicht mit Bildungskosmetik zufrieden. Bildung hat für uns klar einen emanzipatorischen Charakter und soll nicht einfach dazu da sein aktuelle gesellschaftliche Verhältnisse aufrecht zu erhalten. Auch unsere eigenen Gedanken und unser Verhalten ständig zu hinterfragen ist ein wichtiger Teil unserer Einstellung.

derStandard.at: Wenn ihr ad hoc drei Dinge im Bildungssystem ändern könntet, welche wären das?

Kadlec: 1) Alle schulorganisatorischen Maßnahmen darauf auszurichten, soziale Unterschiede auszugleichen und Selektion damit zurückzudrängen. Dazu gehören die Integration aller und damit die Einführung einer Gesamtschule und die Abschaffung der Sonderschulen. 2) Größtmögliche Mitbestimmung der SchülerInnen im Unterricht und darüber hinaus sowie die Stärkung ihrer Vertretungen durch eine Änderung des Wahlsystems für SchülervertreterInnen. 3) Eine Änderung der Leistungsbeurteilung bzw. von einer Beurteilung weg zu einer Rückmeldung. SchülerInnen und LehrerInnen sollten gemeinsam Lernziele festlegen und immer wieder evaluieren. Sowohl die Fortschritte der SchülerInnen, als auch die Methodik und die Unterstützung seitens der LehrerInnen.

Mehr Infos zum Bildungsprogramm der AKS unter www.aks.at

Interview mit dem Schülerunions-Vorsitzenden Jürgen Stöttinger

Die Interviews führte Anita Zielina
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    foto: privat
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