Luftbläschen in Oscars Wasserbad

21. Februar 2005, 11:09
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Elfriede Jelineks Nachdichtung von Oscar Wildes "Bunbury" ("Ernst ist das Leben") im Wiener Akademietheater

Mit Elfriede Jelineks Nachdichtung von Oscar Wildes "Bunbury" ("Ernst ist das Leben") huldigt Regisseur Falk Richter im Wiener Akademietheater den Lebensnöten einer längst untergegangenen Spezies.


Wien - Die Wohllebenstaktik des alternden Dandys Algernon Moncrieff (Michael Maertens), der sich einen gewissen Bunbury als Strohmann erfindet, um desto ungenierter die Blessuren abheilen zu können, die ihm die Nacht zuvor mit ihren Ausschweifungen geschlagen hat, steckt in einer Art Lebensformkrise.

Er taucht im Wiener Akademietheater hinter einer Front von Spiegelglastüren hervor - das gedämpfte Licht sticht ihm sofort in die Augen. Er kann Sitzbäder im Luxusbad mit Sprudeldüsen nehmen und Gurkensandwiches verdrücken. Er besitzt einen Swinger-Boy (Thiemo Strutzenberger) als nachdurstigen Liebesmachthaber mit der Aufsässigkeit des libertären Spaßgesellschafters.

Und er nennt, nicht zu vergessen, einen die Gitarre schlagenden Freund in Kilt und Rüschenhemd namens John Worthing (Roland Koch) sein Eigen, mit dem er gewiss eine liederliche Beziehung unterhält - schwule Vertraulichkeiten sind das Mindeste -, mit dem er sich aber auch die Zudringlichkeiten von Elfriede Jelineks Bunbury-Dichtung, sehr freizügig nach einer Oscar-Wilde-Übersetzung von Karin Rausch, vom abgenützten Verfallsleib halten muss.

Er tut das, wie es nur dieser Schauspieler kann: Mit den unnachahmlichen Fanfarenstößen, die Maertens' Parlandoblech so verlässlich erheiternd zum Weißglühen bringen: "Ein Doppellader!", röhrt er entlarvend - weil auch Freund John einen Bruder (namens Ernst) erfindet, um ihm das eigene Triebleben wie eine Art Höllenhundehalsband umzuhängen.

Maertens ist das glückliche Ereignis dieser frei schwebenden Versuchsanordnung. Er bläst die wenigen Sentenzen, die Jelinek in Ernst ist das Leben (Bunbury) im Ungefähr der Andeutung belassen hat, ohne gleich ein "Kommen" hinzuzudichten, wo Wilde bloß ein "Anreizen" meinte, wie vom windschiefen Turm einer bloß eingebildeten Lebenssouveränität herunter.

Kein Stil, nirgends

Er knallt ein paar Tuntenflamingoschritte auf die Fliesen, entwickelt sektsüffelnd eine schlimme Geschäftigkeit. Maertens umreißt in einer Zeit, die von Stil nichts hält, weil sie Umgangsformen scheinbar demokratisiert, um sie nur desto besser industriell ausbeuten zu können, die Unmöglichkeit, ein "Dandy" zu sein. Und so darf man Falk Richters bemühter Regie nicht ohneweiters zum Vorwurf machen, dass ihr Elan verfällt, je länger dieses Nichts von Handlung an einem Zuwenig an Haltung krankt.

Lady Bracknell (Kirsten Dene) knallt im Seidenturban und im Paillettenpanzer das empörungsgeschuppte Salonreptil wunderbar auf die Bretter - Töchterchen Gwendolen (Dorothee Hartinger) mit Louise-Brooks-Frisur schnattert eine entgeisterte höhere Tochter in die muffige Atmosphäre.

Hinter den Fassaden ahnt man die Individuen. Hinter der heißen Luft züngelt ein panisches Feuer. Aber spätestens im zweiten Teil, wo man auf dem Lande der Liebesheiratsanbahnung frönt, weil in der Stadt die Sau, die man herauslassen will, nicht mehr erschwinglich ist, sitzen die Darsteller zwischen den Strohballen und allerliebsten Schaftier-Dummys (Bühne: Katrin Hoffmann) auf ihren schön zusammengebeutelten Übertreibungen fest.

Jacks bezopftes Mündel Cecily (Christiane von Poelnitz) gießt die Seerosen im Pool. Ein Pastor (Johann Adam Oest) macht sich mit dem nimmer erlahmenden Eifer des gewerbsmäßigen Onanisten an seinem Gemächt zu schaffen.

Wo die Sphäre der Zweideutigkeit keine Festlegung duldet, muss ein Konzept scheitern, das alle Möglichkeiten der Lebensausflucht in kleine Unzuchtakte übersetzt. Wo die Kunst darin bestünde, Konventionen zu übertreten, um ihnen im Namen der Langweile den Garaus zu machen, versagt ein blendend aufgelegter Versuch, Feindbilder zu überhöhen.

Es regnete ein paar Buhs für eine kunstfertige Inszenierung, die das allerletzte Risiko gescheut hat, die man daher durchschnittlich nennen muss. Und der wir ein Nachleben der wundermilden Rocko-Schamoni-Chansons ("Ich bin frei, und das macht so high!") auf Tonträger wünschen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.2.2005)

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    Pups, he did it again: Algernon Moncrieff (Michael Maertens, re.) erleichert sich und seine angegriffene Konstitution und lässt seinen Überdruss an "Jack" (Roland Koch) aus.
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