"Wir sind natürlich nur Peanuts"

1. März 2005, 18:07
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Wiener Börse-Vorstand Michael Buhl erklärt im STANDARD-Interview, warum und wie er die überaus skeptischen österreichischen Unternehmer an die Börse locken will

STANDARD: Sie haben im Jänner die Fronten gewechselt, von der Erste Bank in die Wiener Börse AG. Ein großer Sprung?

Buhl: Nein, das Spiel ist letztlich dasselbe.

STANDARD: Ihr erstes Ziel - heuer mehr als ein Börsegang - haben Sie erreicht: Das Biotech-Unternehmen Intercell und die Eco Business Immobilien AG gehen an die Börse. Intercell hat kein fertiges Produkt und weiß nicht, ob es je profitabel sein wird, Eco ist recht unbekannt. Bauchweh?

Buhl: Nein, Eco ist eine Fortsetzung der Immobilienaktienwelle, Intercell hat nahezu ideale Voraussetzungen. Beide Papiere sind eine wunderbare Beimischung für größere Portfolios.

STANDARD: Hat die Wiener Börse in Relation zu einer Frankfurter Börse, die sich die Londoner Börse einverleiben will, irgendeine Chance?

Buhl: Im Vergleich zu den großen Playern sind wir natürlich nur Peanuts. Alle Börsen von Zentral- und Osteuropa (CEE) zusammen machen einen Prozent des Umsatzes der Europa-Börsen aus. Aber die Steigerungsraten gehen bis zu hundert Prozent. Aus diesem Grund ist unsere Vision ja die Börsenallianz.

STANDARD: An der Budapester Börse sind Sie schon beteiligt. Wen übernehmen Sie noch?

Buhl: Unsere Strategie geht anders: Wir wollen nicht übernehmen, sondern etwas gemeinsam tun. Ziel ist eine Holding für Mitteleuropa-Börsen: An der sollen sich möglichst viele beteiligen, die Holding wiederum Mehrheitsbeteiligungen an den nationalen Börsen halten.

STANDARD: Wofür noch nationale Börsen?

Buhl: Für lokale Themen wie Investorenpflege oder Listing. Die Holding ist für Überregionales wie Strategie oder IT zuständig. Die Geschichte wird dann interessant, wenn wir Prag oder Warschau dazu einladen: Da kommt nicht der Imperialist und übernimmt einfach.

Wir haben CEE-Erfahrung, kennen die Befindlichkeiten, den Nationalstolz - und sind einfühlsamer. Dieser Weg ist unsere einzige Chance. So machen wir aus unserer Schwäche, dass wir klein sind und nicht viel Spielkapital haben, eine Stärke.

STANDARD: Ist es nicht viel realistischer, dass Wien im Schoß der Frankfurter Börse landet?

Buhl: Wien ist derzeit weder für Frankfurt noch für London interessant. Die lassen uns jetzt einmal die Arbeit in CEE machen und schauen, was daraus entsteht. Danach ist nichts auszuschließen, aber da sind wir vielleicht schon viel größer.

Vielleicht bilden wir gemeinsam mit dem Baltikum oder Skandinavien ein Gegengewicht zu Deutschland und Großbritannien.

STANDARD: Warum scheuen die österreichischen Unternehmer die Börse eigentlich so sehr?

Buhl: Es gibt so viele Unternehmen in Familieneigentum, den Unternehmern ist die Transparenz, die Publizität, der Machtverlust einfach zu mühsam. Dazu kommt, dass man sehr, sehr billige Kredite bekommt.

Wir brauchen stärker visionär denkende Unternehmer; es muss ja nicht gleich ein Börsegang sein, man kann ja auch Unternehmensanleihen begeben.

STANDARD: Wie können Sie diese Sozialisierung ändern?

Buhl: Wir haben zwei Chancen: Basel II und den Generationswechsel. Mit der universitär gebildeten Erbengeneration wird frischer Wind reinkommen, die brauchen Geld.

STANDARD: Derzeit verschwinden mehr Unternehmen von der Börse, als neue kommen; siehe Baumax, Constantia Iso, demnächst VA Tech. Beunruhigt Sie das nicht?

Buhl: Ich sehe jeden Abgang mit weinendem Auge. Aber die Verluste waren überschaubar, und mit den Emissionen OMV und Telekom ist allein im Dezember ein Vielfaches auf den Markt gekommen.

STANDARD: Apropos VA Tech: Was halten Sie von Investoren wie Mirko Kovats?

Buhl: Nur herbei mit ihnen! Er hat eine interessante Rolle im österreichischen Markt gespielt, viel zur Dynamisierung beigetragen. Unruhe schafft Umsatz. So ist der internationale Markt, und wir müssen auch einmal zur Kenntnis nehmen, dass Österreich ein Teil der Welt ist.

STANDARD: Würde es Wien beleben, wenn kleinere Unternehmen in einem "Basket" an die Börse gehen könnten?

Buhl: Wir diskutieren so etwas: Das könnte eine Fondsgesellschaft sein, die als Drehscheibe private Gelder bündelt und sie kleinen Unternehmen zur Verfügung stellt. Diese Gesellschaft sollte an der Börse notieren.

STANDARD: Die Börse hat auch eine andere Seite, die Anleger. Verzeihen die Fälle wie eine Libro-Pleite oder Y-Line?

Buhl: Gut ist das nicht. Institutionelle Investoren verzeihen eine schlechte Nachricht ein Jahr lang nicht, für Retail-Investoren ist es Berufsrisiko, sie schreiben das ab und tun weiter. Bei Freiberuflern und anderen, die ihr Vermögen riskieren, dauert es sehr lange, bis Gras über die verbrannte Erde gewachsen ist.

Aber man muss es schon sagen: Mit Cybertron oder Libro konnte man sehr gut verdienen, es kam drauf an, wie lange man drin blieb. So bitter das für die Anleger ist, das sind halt die Risiken des Kapitalmarkts.

STANDARD: Haben Sie je daran gedacht, selbst ein Unternehmen zu gründen und an die Börse zu bringen?

Buhl: Ich bin Ökonom und Jurist und nicht innovativ genug für zündende Produktideen, die nicht schon wer anderer gehabt hat.

STANDARD: Welcher Unternehmer, Manager beeindruckt Sie?

Buhl: Ich bin nicht so leicht zu beeindrucken. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.02.2005)

Zur Person

Der 45-jährige Michael Buhl sitzt seit 1. Jänner im Chefsessel der Wiener Börse. Er hat die Termin- und Optionenbörse ÖTOB aufgebaut, war ab 1998 Chef des Investmentbankings der Ersten. Zwist im Börsevorstand wie unter Buhls Vorgänger Erich Obersteiner und Co-Vorstand Stefan Zapotocky wird es laut Buhl nicht mehr geben: "Ich kann mir nichts vorstellen, was unsere enge Zusammenarbeit trüben könnte."

Das Gespräch führte Renate Graber
  • Börse-Chef Michael Buhl will die Ostbörsen gewinnen. Aber einfühlsam und nicht wie ein "Imperialist".
    foto: der standard/andy urban

    Börse-Chef Michael Buhl will die Ostbörsen gewinnen. Aber einfühlsam und nicht wie ein "Imperialist".

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