Kopf des Tages: Julia Jentsch

20. Februar 2005, 20:59
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Junge Grüblerin mit Kampfgeist - Darstellerinnenpreis der diesjährigen Berlinale

Es war ein vorgezogenes Geburtstagsgeschenk: Einen Tag vor ihrem siebenundzwanzigsten nämlich und ausnahmsweise bereits im Rahmen der Pressekonferenz am Nachmittag nahm Julia Jentsch am Samstag aufgeregt, strahlend und ein wenig um Worte verlegen den Darstellerinnenpreis der diesjährigen Berlinale in Empfang.

Kurz darauf saß sie schon wieder, mit dem Silbernen Bären im Arm und begleitet von einem Kamerateam, im Auto zum Flughafen - auf dem Weg nach München, wo sie dann abends "irgendwie" spielen sollte. Und zwar eigentlich eine Kinofigur, denn Jentsch, die seit einigen Monaten dauerpräsent ist auf den Leinwänden, steht derzeit außerdem in den Münchner Kammerspielen in der Theaterversion von Krzysztof Kieslowskis Dekalog auf der Bühne.

Zu Frank Baumbauers Ensemble gehört die am 20. Februar 1978 in Berlin geborene einzige Tochter eines Juristenehepaares seit 2001. Zuvor hatte sie, gleich nach Schulabschluss, in ihrer Heimatstadt an der Schauspielschule Ernst Busch ihre Ausbildung absolviert. Bereits während dieser Zeit stand sie auch immer wieder vor der Kamera (Mein Bruder, der Vampir u. a.). Zunächst wurde sie dann allerdings vor allem als Theaterentdeckung gefeiert - etwa in Monika Gintersdorfers Stück Bedbound. Jentsch spielte darin ein ans Bett gefesseltes Mädchen und wurde von Theater heute prompt zur besten Nachwuchsschauspielerin Deutschlands gekürt. Eine jener Schauspielerinnen, deren Konzentration sich oft auch in einem Anschein von leichter Abwesenheit manifestiert. Und eine, die sich in Interviews eher als Nachdenkliche, Suchende gibt - auch die Sophie Scholl hat sie sich genauestens und mit größtem Respekt erarbeitet - und die doch bereits die Desdemona, die Antigone und die Brunhilde spielte. Lauter große, klassische Theaterrollen, bei deren Besetzung man nicht zuerst an eine zarte, mädchenhaft wirkende Mittzwanzigerin denken würde.

Aber Jentsch spielte diese Todgeweihten überzeugend, kämpferisch, wurde weiterhin mit Lob und Auszeichnungen bedacht. Und sie drehte weiter fürs Kino und fürs Fernsehen, lief bereits vergangenen Mai mit den Kollegen aus Hans Weingartners Die fetten Jahre sind vorbei in Cannes über den roten Teppich und holte sich für ihre Rolle später einen Bayrischen Filmpreis. Sie fiel in einer Tatort-Folge mit dem Titel Bitteres Brot als Filmtochter von Lena Stolze auf, jener Darstellerin also, die zuerst die Sophie Scholl verkörperte, die sich Jentsch nun, auch an Stolze vorbei, selber aneignen musste.

Noch in diesem Jahr wird sie außerdem mit Eva Matthes in Peter Zadeks Bitterer Honig in Hamburg zu sehen sein. Sophie Scholl - Die letzten Tage kommt am Freitag, 25.2., in die österreichischen Kinos.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.2.2005)

Von
Isabella Reicher
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    Julia Jentsch

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