Wenig Freuden mit Werthers Leiden

21. Februar 2005, 16:40
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Premiere von Jules Massenets "Werther" an der Wiener Staatsoper

Nach der Premiere von Jules Massenets "Werther" an der Wiener Staatsoper wurden die beiden Protagonisten Elina Garanca und Marcelo Álvarez bejubelt. Für Regisseur (Andrei Serban) und Dirigenten (Philippe Jordan) gab es auch Buhrufe.

Wien – Die sentimentale Briefromanze vom Freitod eines unglücklich Liebenden, die Johann Wolfgang von Goethe in seinem Die Leiden des jungen Werthers getitelten Romanerstling 1774 vom Stapel ließ, löste innerhalb der europäischen Intelligenzija das so genannte "Wertherfieber" aus:

Wer etwas auf sich hielt, lief wie die Titelgestalt des Goethe-Romans in gelben Hosen und mit blauer Jacke herum. Werther allerorten, sogar auf Teeschalen und Zuckerdosen. Und nicht genug mit dem – nicht wenige folgten, wenn ihr Werben unerwidert blieb, Werthers Beispiel und legten Hand an sich.

Derlei Folgen sind nach der Wiener Premiere von Jules Massenets auf Goethes Roman beruhender Oper glücklicherweise nicht zu befürchten, auch wenn ganz entgegen allen Erwartungen der Tod nicht erst an deren Ende, sondern schon vor deren Beginn zur Sprache kam. Denn Staatsoperndirektor Holender gedachte des in der Vorwoche verstorbenen Dirigenten Marcello Viotti, der genau zwei Wochen zuvor noch die konzertante Aufführung von Bellinis Norma geleitet hatte.

Seine Erwähnung, Werther sei Marcello Viotti die liebste aller Massenet-Opern gewesen, erhielt nämlich erst im Verlauf der von Philippe Jordan geleiteten Aufführung volles Gewicht.

Sie war nämlich der drei Stunden währende Beweis, dass eine für sich genommen makellose dirigentische Leistung keine Garantie für einen zündenden Opernabend ist. Der international schon renommierte Premierendebütant am Staatsopernpult führte das Ensemble mustergültig. Seine Einsätze waren für Sänger und Orchester präzise, die Tempi von überzeugender Natürlichkeit. Doch das Echo aus dem Orchestergraben klang eher dürr, vornehm ausgedrückt: analytisch.

Musik ohne Flair

Schwer zu sagen, wer da wen nicht mag. Der Dirigent nicht Massenet. Oder das Orchester nicht den Dirigenten. Die von Tschaikowsky und auch Wagner abgelauschten berückenden Mischungen aus den Klangfarben der Holzbläser und der tiefen Streicher, die Massenets Opern erst ihr Flair geben, bleibt Philippe Jordan jedenfalls anhaltend schuldig. Wofür er von Teilen des Publikums nach Ende der Vorstellung auch durch Buhrufe die Quittung bekam.

Ähnliches lässt sich auch über deren szenische Realisierung sagen. Peter Pabsts wuchtige Friedhoflinde, von der am Schluss der Oper die Rede ist, dominiert die ganze Aufführung hindurch als eindrucksvolles botanisches Monster die Bühne.

Sie ist der markanteste optische Eindruck, mit dem diese Produktion aufwartet. Das kreuzbrave Spiel, das Regisseur Andrei Serban im miefigen Outfit der Fünfzigerjahre (Kostüme: Peter Pabst und Petra Reinhardt) um den Stamm und zwischen dem Geäst der Linde entwickelt, bleibt in den ersten beiden Akten auf provokante Weise unverbindlich.

Umso leichter fällt Adrian Eröd in der nicht eben zentralen Rolle von Charlottes Gemahl Alfred der Nachweis, dass eine starke Sängerpersönlichkeit allein durch ihre bloße Präsenz ganz ohne inszenatorische Hilfe eine fade Bühne zum Theater macht. Und gerade dies ist Elina Garanca als Charlotte und Marcelo Álvarez in der Titelpartie bestenfalls in der Schlussszene gelungen.

Trotz der imponierenden sängerischen Brillanz Elina Garancas verströmte ihre Charlotte die Aura des Unpersönlichen in einem solchen Ausmaß, dass der unbefangene Betrachter keinen Grund für Werthers wild aufflammende Zuneigung sah. So kam es, dass Marcelo Álvarez und Elina Garanca zwei Akte lang mehr oder weniger unverbindlich aneinander vorbei agierten und sangen (und Álvarez zu Beginn nicht einmal mit besonders eindrucksvollem Tenor).

Es scheint fast, als hätte man alle szenische Energie auf den Schlussakt konzentriert. Hier endlich, wenn Charlotte und Werther kurz vor dessen Tod aneinander geraten, wird spontane Emotion frei, wird der Ausbruch der unterdrückten Gefühle erlebbar, erhebt sich das Rollenspiel zu mitreißendem Theater, in dessen Verlauf auch Álvarez zu bewundernswerter stimmlicher Hochform aufläuft.

Vor diesem Finale gilt es freilich viele Phasen der Beiläufigkeit zu überstehen. Etwa den einleitenden Singsang der Kinder unter der Leitung von Charlottes verwitwetem Papa (Clemens Unterreiner). Oder auch die inszenatorisch unterversorgten Aktionen von Charlottes Schwester Sophie (Ileana Tonca), die ihrer unglücklichen Liebe zu Werther mit klarem Sopran Ausdruck verleiht.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.2.2005)

Von Peter Vujica
  • Adrian Eröd und Elina Garanca in der neuen Staatsopernproduktion von Jules Massenets "Werther".
    foto: staatsoper/axel zeilinger

    Adrian Eröd und Elina Garanca in der neuen Staatsopernproduktion von Jules Massenets "Werther".

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