Pechlaner bietet Rücktritt an

22. Februar 2005, 09:15
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Revierleiter von Jungbulle "Abu" aufgespießt - Unfallursache weiter ein Rätsel - mit Grafik

Wien - Nach der Attacke des Elefantenbullen Abu am Sonntag, bei der der Chefpfleger ums Leben gekommen ist, schloss der Tiergartenchef Helmut Pechlaner persönliche Konsequenzen am Montag bei einer Pressekonferenz nicht aus. Wenn das von den Gesellschaftern des Zoos gewünscht werde, sagte Pechlaner. Pechlaner ist seit 1992 Direktor des Tiergartens Schönbrunn.

Unfallursache für Verantwortliche weiter ein Rätsel

Die Unfallursache ist für die Verantwortlichen im Tiergarten Schönbrunn weiterhin ein Rätsel. Pechlaner und der Elefantenexperte Harald Schwammer erklärten, dass alle Sicherheitsbestimmungen "hundertprozentig" erfüllt worden seien.

Der in der Pubertät befindliche Abu war bei der routinemäßigen Waschung am Sonntagvormittag aggressiv geworden und hatte den 39-jährigen Pfleger mit den Stoßzähnen tödlich verletzt. "Ein schicksalshafter Vorfall, wir trauern um einen guten Freund", sagte Pechlaner.

Vorfall für Polizei "Unglücksfall"

Der Tod des Chefpflegers war ein Unglücksfall, mit dem nicht zu rechnen war. Das haben die Ermittlungen der Polizei ergeben. Es sei kein erkennbares Versäumnis bei den Sicherheitsmaßnahmen festzustellen gewesen, sagte der Leiter des Kriminalkommissariats Süd, Max Edelbacher, am Montag. Der 1.600 Kilo schwere Jungbulle hatte dem ihm vertrauten Tierpfleger während der Morgendusche die Stoßzähne in den Leib gerammt. Ein Kollege, der Augenzeuge dieses Unglücks wurde, konnte nur noch Alarm schlagen. Für den zweifachen Vater kam jede Rettung zu spät.

Elefantenhaus kommende Woche geschlossen

Das Elefantenhaus im Tiergarten Schönbrunn bleibt kommende Woche geschlossen. "Wir wollen den Druck von den dort Beschäftigten nehmen. Außerdem müssen die Arbeitsabläufe neu organisiert werden", erklärte Sonntag Nachmittag die Sprecherin des Zoos, Barbara Sommer-Sacher.

Unfall während "Morgenroutine"

Der Unfall hatte sich gegen 10.40 Uhr während der täglichen "Morgenroutine" in der Bullenbox ereignet. Der Chefpfleger, der seit 1998 mit den Schönbrunner Elefanten gearbeitet hat, war einer "von Europas besten und erfahrensten Elefantentrainern", wie Harald Schwammer, Vize-Direktor des Tiergartens, sichtlich geschockt vor Journalisten berichtete. Kohl kannte "Abu", seit seiner Geburt und war der einzige Mensch, zu dem der pubertierende Bulle noch direkten Kontakt hatte, erklärte der Tierarzt Thomas Voracek. "Der Jungbulle befände sich derzeit in der Trennungsphase von seiner Mutter "Sabi" und stünde auch zu Menschen in einem so genannten "protected contact".

Blitzschnell

Der Pfleger war gerade dabei, den Dickhäuter zu duschen, ihn zu belohnen und ihm gut zuzureden, als das Tier offensichtlich keine Lust mehr hatte und dem Pfleger "in der Elefantensprache klarmachte: `Hau ab´", so Schwammer. Er drückte den Pfleger blitzschnell mit dem Kopf gegen die Wand und rammte ihm seine Stoßzähne in die Brust und in den Bauchbereich. "Kohl hatte überhaupt keine Chance", meinte Voracek. Der herbeigerufenen Rettungsmannschaft bot sich ein grausiges Bild.

Augenzeuge unter Schock

Der Kollege des Getöteten, der den Unfall mit ansehen musste, stand am Mittag unter schwerem Schock und wurde psychologisch und medizinisch betreut. Darüber, ob der Bulle während seines Angriffs vorschriftsgemäß angekettet war, konnte er noch keine Auskunft geben. Die Kriminalpolizei ermittelt, ob ein Fahrlässigkeitsdelikt vorliege, hieß es von Seiten der Exekutive. In einem Interview mit dem ORF erklärte Tiergarten-Direktor Helmut Pechlaner, dass es zuvor keine Anzeichen eines besonders aggressiven Verhaltens von "Abu" gegeben hätte.

"Der Elefant ist das gefährlichste Tier in Menschenhand"

"Der Elefant ist das gefährlichste Tier in Menschenhand" kommentierte der Zoo-Vizedirektor. Ein Quäntchen Unberechenbarkeit bliebe immer. Dass ein Zusammenhang zwischen dem Verhalten des Jungbullen und dem Tod der Elefantendame "Jumbo" in der vergangenen Woche bestehe, schloss Schwammer aus. Bei "Abu" scheint der Zwischenfall kaum Eindruck hinterlassen zu haben. Er stand nach dem Unglück wieder ruhig und friedlich in der Gruppe im Elefantenhaus. "Abu" war am 25. April 2001 zur Welt gekommen. Weiteren Nachwuchs gab es am 25. Mai 2003, als das Elefanten-Mädchen "Mongu" im Tiergarten Schönbrunn geboren wurde.

Jaguar-Unfall vor drei Jahren

Im Tiergarten Schönbrunn war es am 5. März 2002 zu einer anderen Tragödie gekommen. Ein Jaguar hatte dort eine 21-jährige Tierpflegerin angegriffen und getötet. Die Frau hatte offenbar eine der Zwischentüren zu dem Gehege aus Versehen nicht korrekt geschlossen. Auch das sofortige Eingreifen von Tiergartendirektor Helmut Pechlaner hatte damals den Tod der Frau nicht verhindern können. Dieser war selbst verletzt worden.

Barteinstein erschüttert

Wirtschafts-und Arbeitsminister Dr. Martin Bartenstein (V) zeigte sich in einer Aussendung tief erschüttert wegen des tragischen Unfalls in Schönbrunn, von dem er während seines Staatsbesuches in Indien erfuhr. Er wisse, dass in Schönbrunn laufend alle Sicherheitsmaßnahmen überprüft würden und auch das Arbeitsinspektorat erst vor kurzem eine routinemäßige Kontrolle durchführt habe. Nun müsse genauestens untersucht werden, wie es zu diesem schockierenden Unfall kommen konnte. Er drücke der Familie des getöteten Tierpflegers, aber auch allen Mitarbeitern des Tiergartens seine tief empfundene Anteilnahme aus, sagte Bartenstein. (APA)

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    Der Jungbulle "Abu".

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    Elefantengehege im Tiergarten Schönbrunn

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