Wifo warnt vor zu raschem Börsegang

7. März 2005, 15:12
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"Post zuerst zu restrukturieren" - Neuer Chef Karl Aiginger bedauert Verlust des Konsens in der Privatisierungspolitik

Wien - Der neue Chef des Wirtschaftsforschungsinstituts (Wifo), Karl Aiginger, warnt vor einer raschen Privatisierung der Post über die Börse. Besser wäre zuerst zu restrukturieren, so Aiginger laut Vorausmeldung in einem Interview mit dem am Dienstag erscheinenden Wirtschaftsmagazin "trend". Hilfreich dabei könne ein Partner sein - allerdings nicht die deutsche Post, sondern ein Finanzpartner, der nur an der Effizienz und den Dividenden, nicht aber an der Eingliederung des Unternehmens interessiert sei. Bei der Telekom plädiert der Wifo-Chef hingegen für eine Vollprivatisierung.

Die Post habe Versorgungsfunktionen zu erfüllen, sagte Aiginger: "Hier bin ich dafür, zuerst zu restrukturieren, zu rationalisieren und in den Ostbereichen zu expandieren und dann zu schauen, wie sich die Privatisierung europaweit entwickelt. Denn hier ist es ja noch immer so, dass es pro Land praktisch eine Post gibt." Den nötigen Effizienzdruck könne zwar auch die Börse erzeugen. Allerdings übernehme die Börse keine Garantie für eine langfristige Kernaktionärsstruktur, die Aiginger für notwendig hält.

Vollprivatisierung für Telekom

Bei der Telekom plädiert der Wifo-Chef für eine Vollprivatisierung, da sich die Telekom in einem Bereich bewege, in dem intensiver Wettbewerb herrsche. Hier sei der Staat in seiner Rolle als Regulator gefragt. Aiginger hält es allerdings für wichtig, dass bei der Telekom-Privatisierung die Headquarter-Frage beachtet wird. Aus diesem Grund hätte er die Swisscom-Lösung nicht begrüßt.

Bezüglich der Gerüchte über einen Einstieg der Investorengruppe um den früheren ÖVP-Chef Josef Taus bei der Telekom meint Aiginger: "Die Frage hier ist, ob sie auf Dauer ausreicht, oder ob das eine Zwischenlösung ist. Denn in diesem Bereich werden europaweit nur fünf oder zehn Konzerne übrigbleiben, und die Telekom muss so stark mit Finanzmitteln und mit Managementkapazität ausgestattet werden, dass sie zu den Überlebenden gehört."

Insgesamt bedauert Aiginger, dass im Gegensatz zu früher der Konsens in der Privatisierungspolitik verlorengangen sei. "Das Nicht-Konsensklima gefährdet gute Lösungen." Der Wifo-Chef spricht in diesem Zusammenhang die Turbulenzen rund um die Voest-Privatisierung an. Beim Verkauf der VA Tech an Siemens, kritisiert Aiginger, sei es nicht gelungen, die Privatisierungskriterien der Regierung - Erhalt des Headquarters, der Forschung und der Arbeitsplätze in Österreich - umzusetzen. (APA)

  • Neuer Wifo-Chef Karl Aiginger warnt im Zusammenhang mit der Privatisierung der Post vor einem zu raschen Börsengang.
    foto: standard/regine hendrich

    Neuer Wifo-Chef Karl Aiginger warnt im Zusammenhang mit der Privatisierung der Post vor einem zu raschen Börsengang.

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