Große Oper mit Melonengeschmack

20. Februar 2005, 19:44
6 Postings

"U-Carmen eKhayelitsha" aus Südafrika ist der Überraschungssieger der diesjährigen Berlinale

Berlin - Dieter Kosslick freute sich sichtlich: Afrika, so hatte der Berlinale-Direktor im Vorfeld angekündigt, sei ein "Fokus" des diesjährigen Festivals. Afrikanische Filmemacher waren dann zwar, mit Ausnahme des inzwischen in den USA arbeitenden Raoul Peck, im Wettbewerb nicht zu finden. Dafür aber gleich vier (Ko-)Produktionen, die ihre Handlung zumindest teilweise auf afrikanischem Territorium angesiedelt hatten. Und ausgezeichnet wurde zur großen Überraschung aller schließlich jene davon, die sich am unbekümmertsten über (politische) Erwartungen hinwegsetzte und dafür auf musikalische Synergien baut.

U-Carmen eKhayelitsha, inszeniert vom Briten Mark Donford-May, bezieht seine Spannung aus der Verlegung und Aktualisierung eines Klassikers des europäischen Opernrepertoires, nämlich Georges Bizets Carmen, die hier - mit einem Libretto in Xhosa - in einer südafrikanischen Township spielt.

Der Film, der auf Basis einer erfolgreichen Bühnenversion entstand, lebt von den großartigen Stimmen und einer breit ausgespielten Vitalität. Er sei, so Jury-Präsident Roland Emmerich, "der Film, der uns allen am besten gefallen hat". Und alle, das war heuer ein denkbar heterogenes Gremium, dem unter anderem Modeschöpfer Nino Cerruti, die chinesische Schauspielerin Bai Ling oder Franka Potente angehörten.

Weniger überraschend dagegen der Darstellerpreis für die junge deutsche Schauspielerin Julia Jentsch, die allgemein als Favoritin gehandelt wurde: In Marc Rothemunds Drama Sophie Scholl - Die letzten Tage spielt Jentsch die Titelheldin. Der Film ist ein Kammerspiel, ganz auf seine Akteure zugeschnitten und von diesen auch - ungeachtet einer eher uninspirierten, an ein Fernsehspiel gemahnenden Inszenierung - getragen.

Sprachkammerspiel

Es beginnt mit den Vorbereitungen jener Flugblattaktion, die zur Verhaftung von Sophie und Hans Scholl führte, und endet mit deren Hinrichtung. Dazwischen liegen die stundenlangen Verhöre, die der Film als Sprachduell zwischen der Widerstandskämpferin und dem Vernehmungsbeamten Mohr (Alexander Held) als Vertreter des NS-Regimes inszeniert.

Auch an zwei andere viel diskutierte Beiträge wurde am Ende durch Prämierungen noch einmal erinnert: Der palästinensische Regisseur Hany Abu-Assad (Ford Transit) erzählt in Paradise Now die Geschichte zweier Selbstmordattentäter. Und er umgeht dabei sehr gekonnt eine simple Logik von Ursache und Wirkung. Seine beiden Hauptfiguren sind keine Fanatiker, sondern eher zwei Slacker ohne Perspektive, die in den Hügeln über Nablus eben noch ein Wasserpfeifchen rauchen, bevor ihnen mitgeteilt wird, dass es nunmehr so weit sei.

Nach einer schlaflosen Nacht geht es zur Aufrüstung mit Sprengstoffgürteln, und nicht nur die Aufzeichnung der obligaten Videobotschaft gerät zur Groteske (und erinnert darin etwa an Elia Suleimans Divine Intervention).

Hany Abu-Assad gelingt es über weite Strecken, in ruhigen Aufnahmen, die mehr auf Halbtotale denn auf Großaufnahmen setzen und nur bedingt Einsicht in das Innenleben der Figuren behaupten, eine höchst widersprüchliche Situation zu skizzieren. Eine völlig aus dem Ruder gelaufene Form von Normalität, in der Motive und Ziele längst nicht mehr so genau kenntlich sind, aber nichtsdestotrotz stetig inakzeptable Konsequenzen zeitigen.

Wassermelonensex

Der taiwanesische Regisseur Tsai Ming-liang bewegt sich dagegen (ähnlich wie sein US-Kollege Wes Anderson) weiterhin konsequent in seinem eigenen filmischen Universum und wagt sich mit Tian bian yi duo yun (The Wayward Cloud) in Zusammenhänge vor, in die man ihm am Ende nur noch bedingt folgen mag:

Der Film knüpft ganz explizit an What Time Is It There (2001) und The Hole (1998) an. Aus dem ersten übernimmt er seine Hauptfiguren (dargestellt von Lee Kang-sheng und Chen Shiang-chyi), aus letzterem Erzählmotive und den Einsatz von eigenwillig ausgestatteten Musicalnummern.

Neu ist, dass Tsais Protagonist sich als Pornodarsteller verdingt. Die entsprechenden Sequenzen zeitigen lange höchst amüsante Szenarien (eine Wassermelone kommt als Vagina-Substitut zum Einsatz, die herrschende Wasserknappheit erschwert die Drehs in ungeahnter Weise, etc.). Schlussendlich führt die Erzählung allerdings ins Leere einer fragwürdig verschobenen Vereinigung. Ein schales Nachbild von einer insgesamt akzeptablen, aber nicht zu Herzen gehenden Berlinale.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.2.2005)

Von
Isabella Reicher
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Die Carmen-Version "U-Carmen eKhayelitsha" (Carmen in Khayelitsha) von Mark Dornford-May spielt in einem südafrikanischen Township.

Share if you care.