Ein Wissenschafter auf sexuellem Raubzug

18. Februar 2005, 22:24
posten

Der Schriftsteller T. C. Boyle im Gespräch über Sexualforscher Alfred Kinsey und seinen neuen Roman "Dr. Sex"

STANDARD: Mr. Boyle, wie sind Sie eigentlich auf Kinsey gekommen, während zugleich ein Film vorbereitet wurde? War es Zufall, oder lag etwas in der Luft?

T. C. Boyle: Ich habe mich darüber vor Publikum in Los Angeles mit dem Regisseur (Bill Condon) unterhalten. Er ist durch eine kürzlich erschienene Biografie auf ihn gekommen, ich durch einen Dokumentarfilm über die Fünfzigerjahre. Ich war damals noch zu klein, aber ein älterer Freund erzählte mir, dass er diesen "Report" gelesen hatte, um sich aufzugeilen, obwohl alles in einem klinischen Vokabular abgefasst war.

STANDARD: Sie befassen sich mit Kinsey auf eine indirekte Weise, indem Sie ihn durch die Brille einer erfundenen Person, seines Assistenten John Milk, betrachten. Warum?

Boyle: Weil ich Schriftsteller bin und es mich interessiert, ein Thema wie die Sexstudien zu erforschen. Es würde mir seltsam vorkommen, rein mit historischen Personen einen Roman zu schaffen. Darum habe ich auch Details verändert und dramatisiert und aus Milk die Hauptfigur gemacht. Ich habe mir vorgestellt, wie es gewesen sein muss, für Kinsey zu arbeiten.

STANDARD: Sie haben zugleich die Biografien und Zeugnisse über Alfred Kinsey studiert. Zu welchem Schluss sind Sie gekommen?

Boyle: Zum einen bewundere ich sehr, was er für uns alle getan hat. Andererseits misstraue ich der Macht, die er offenbar über andere gehabt hat. Er dürfte vor allem seine Mitarbeiter stark manipuliert haben und er war auf einer Art sexuellem Raubzug.

STANDARD: Sie haben schon früher, in "Riven Rock" und auch in "The Road to Wellville", das Thema Sexualität behandelt. Ist Ihr neuer Roman nur eine Rückkehr zu einem alten Thema, eine Erweiterung, oder gibt es aktuelle Gründe, das Thema wieder aufzugreifen?

Boyle: Die gibt es. Eine gewisse Dr. Judith Reisman - ich glaube, sie hat ihr Doktorat von der Rückseite einer Müslischachtel bekommen - hat sowohl mein Buch als auch den Film "Kinsey" und vor allem den Mann selbst heftig attackiert: Kinsey sei kein Wissenschafter, sondern ein homosexueller Ideologe, Psychopath und sadomasochistischer Pornograf gewesen, den man nicht ernsthaft diskutieren dürfe. Diese "Enthüllungen" sind Teil einer rechtsgerichteten Strategie, die das Rad der Geschichte zurückdrehen will. Eigentlich war Kinsey bis in die Neunziger fast vergessen. Hugh Hefner, der Playboy-Gründer, hat übrigens seine Bachelor-Diplomarbeit über Kinsey geschrieben, auch das wusste man die längste Zeit nicht mehr.

STANDARD: In Ihrem Buch geht es auch um Rationalität vs. Gefühle und um Wissenschaft vs. Religion - mit dem Hintergedanken an aktuelle Bezüge, wie sich das wohl heute im republikanischen Staat Indiana, Heimat des Kinsey-Instituts, abspielt?

Boyle: Allerdings. Da war zum einen der distanzierte Forscher, der zugleich hinter den Kulissen zutiefst verstrickt war. Kinsey war kein Heuchler, er war ein fortschrittlicher Mensch im Gewand eines soliden Wissenschafters. Doch er hätte nie freie Sexualität öffentlich propagieren können, obwohl das sein Standpunkt war.

STANDARD: Weil die Opposition unüberwindlich gewesen wäre?

Boyle: Es war ein Beweis für sein Charisma, wie er sein Projekt mit allen Mitteln vorangetrieben hat, wie er sogar die Rockefeller-Stiftung und die skeptische Uni-Bürokratie immer wieder überreden konnte, ihn weiter zu unterstützen. STANDARD: Wie sieht's mit Sex und Prüderie in den heutigen Vereinigten Staaten aus?

Boyle: Das ist eine zyklische Sache. Doch was mich beunruhigt, ist, wie unter dem Vorwand des GWOT, des Globalen Krieges gegen den Terrorismus, die Bürgerrechte erodieren und repressive Zeiten zurückkehren. Da ist sozusagen eine Bewegung von Drop City, meinem Buch über die Hippie-Zeiten der frühen Siebziger, zurück zu den Fünfzigern um Kinsey.

STANDARD: Die Freiheiten von "Drop City" - die letztlich gescheitert sind - wären heute nicht mehr möglich?

Boyle: Vielleicht doch. Vielleicht ist es eher, dass wir nicht mehr so interessiert daran sind, die einmal gewonnenen Freiheiten, auch die sexuellen, zu verteidigen. Es ist eher so eine Haltung à la "Schon hier gewesen, schon ausprobiert". Andererseits gibt es das Internet, Video, DVD. Vielleicht entwickeln sich unsere Vorlieben nur immer mehr auseinander.

STANDARD: Also dann doch kein Grund zur Sorge?

Boyle: Das habe ich nicht gesagt. Doch, jede Menge Gründe für Sorgen. Und viel Material für Literatur!


Intime Details von Zehntausenden
T. C. Boyle über Kinseys "inneren Kreis"

Er wurde religiös erzogen und begann seine Karriere 1929 als eifriger Insektenforscher an der Uni in Bloomington, Indiana. Knapp 20 Jahre später war Alfred Kinsey als "Dr. Sex" weltberühmt und -berüchtigt.

Wie Kinsey es schaffte, im Mittelwesten eine besessene Sexualforschungsaktivität zu entwickeln, zehntausende Leute nach intimen Details zu befragen, seine eigenen Fantasien auszuleben und zugleich eine proper professorale Fassade zu bewahren, das schildert T. Coraghessan Boyle in seiner neuen "biographie romancée". Als Icherzähler hat Boyle den Institutsmitarbeiter John Milk - zunächst unschuldig wie selbige - erfunden, der zum ersten Mitglied von Kinseys "Inner Circle" wird (so der Buchtitel im Original). Was er hier erlebt, ist so haarsträubend und verwegen wie (vermutlich) wahr, weil gründlich recherchiert und mit Kinsey-Biografien abgestimmt. Retrospektiv - der Roman beginnt mit dem Begräbnis des Professors 1956 - vermittelt Milk eine Atmosphäre der Begeisterung und der Beklemmung angesichts der Pionierarbeit. Pearl Harbor, der Weltkrieg verschwinden hinter ihr. Seine eigene Familie leidet zunehmend unter dem Diktat des Sexualforschers, der umso mehr Menschen begeistert, je mehr er persönlich unter dem Druck seiner Ansprüche einknickt.

Angesichts dieses konfliktreichen Materials ist Boyle erstaunlich zurückhaltend geblieben. Im Gegensatz zu seinen früheren, auch von Sexualität & Pathologie handelnden Romanen erzählt "Dr. Sex" geradezu brav von Feldforschung und Fellatio. Alkohol und Metaphernkaskaden fließen bedeutend seltener als sonst beim irischstämmigen literarischen Popstar. Ob das daran liegt, dass Erzähler Milk vergleichsweise straight und verhuscht ist, ob es also Mimikry ist oder ob Boyle selbst sich stilistisch beruhigt hat, das wird vielleicht sein nächster Roman beantworten können.
(DER STANDARD, Print, 19./20.2.2005)

Interview und Besprechung (weiter unten): Michael Freund

T. C. Boyle, "Dr. Sex". Deutsch von Dirk van Gunsteren. € 25,70/470 Seiten. Hanser, München 2005, ISBN 3-446-20566-7
  • Bild nicht mehr verfügbar
    Der Filmstart von "Kinsey" wurde in Los Angeles mit lebendigen Plakaten beworben. Im deutschsprachigen Raum läuft das Drama mit Liam Neeson als Kinsey am 24. März an.
Share if you care.